Die letzten Dinge

Ein humorvoller Roman über den Alltag im Altersheim

Die letzten Dinge(gjk). Nach einigen Lebensstrapazen findet die 24-jährige Lotta eine Stelle im Altersheim Abendrot. Für sie, die keine Ausbildung hat und in nächster Zukunft auch keinen besseren Plan, ist das der Anfang eines neuen Lebensabschnittes. Doch bereits am ersten Tag stellt sie schnell fest, dass es eine Menge über die Altersheimbewohner zu lernen gibt.

Autorin Annegret Held gibt mit ihrem Roman „Die letzten Dinge“ einen feinen, lebendigen und sehr humorvollen Einblick in den Altersheimalltag: Zum Beispiel ist die Tür zu Herrn Kurtackers Zimmer immer verschlossen, „Betreten verboten“, weil mit ihm so manches Mal das Temperament durchgehen kann und dann nicht nur Untertassen fliegen lernen. Die 98-jährige Frau Wissmar hingegen hat immer noch Unmengen von Papierkram zu erledigen, schließlich war sie einst Personalchefin gewesen, und bald könnte ihr auch eine nächste Beförderung winken, wenn sie nur fleißig genug ist. Herr Schiwrin, der einst Tunnel für die sibirische Eisenbahn baute, sieht jetzt die Möbel in seinem Zimmer tanzen – andere Beschwerden bringt sein Tumor nicht mit sich. Die realistische Frau Schlecker allerdings bringt mit ihrer Antwort, wie es ihr denn gehe, alles auf den Punkt: „Beschissen.“ Am liebsten würde sie alle beim Oberbürgermeister verklagen.

Aber bald stellt sich auch heraus, dass das Pflegepersonal nicht unbedingt umgänglicher ist. Die Italienerin Gianna fürchtet sich, Kleidung vom Dachboden zu holen, weil sie überzeugt ist, dort spuke ein Gespenst, eine Seele, die ihren Weg nicht in den Himmel gefunden hat. Selbstverständlich lag es daran, „dass die Schwestern und Pfleger die Fenster nicht öffneten, wenn ein Mensch davonging, da konnte die Seele nicht davonfliegen und verirrte sich im Haus, die arme Seele.

Der hübsche, mal nur homo- mal auch bisexuelle Pfleger Ivy lässt sich zwar von Gespenstern nicht verwirren, um so mehr aber von seinem Liebeskummer, der ihn aber nicht nur in nächtliche Eskapaden und Raufereien verwickelt, sondern auch ein wenig in Lottas Arme schubst. Diese wiederum hat sich schon ein bisschen an den Alltag im Altersheim gewöhnt, selbst wenn die Ratlosigkeit immer noch ihre engste Gefährtin ist. Und die Tage vergehen: „Weiße Pfleger, weiße Schwestern, weiße Betten, weiße Schränke, weiße Verbände. Aber wenn Lotta nachdachte, war es kein richtiges Weiß, eher ein Eierschalenton, oder ein Wollweiß. Vielleicht legte die Vorstellung einen Schleier davor und tönte die Bilder ein.“ Diese etwas eierschalen-weißen Tage lassen das Leben weiter seine Melodie spielen, auch wenn zwischendurch mal der eine oder andere Schlussakkord zu vernehmen ist. Schließlich gehört der Tod zum Leben dazu, und dieses mag noch eine Menge zu bieten haben, bevor es endgültig erlischt.

Annegret Held schreibt außerordentlich lebendig. Es ist leicht, sich zwischen ihren Worten zu verlieren und in die kurzen, plastischen Sätze einzutauchen, den eigenen Alltag zu vergessen. An einigen Stellen des Buches „Die letzten Dinge“ könnte sich die Handlung zwar etwas zügiger entwickeln, aber andererseits macht gerade der tragende, manchmal etwas vorhersehbare Ton des Buches die wiederkehrende Alltäglichkeit im Altersheim Abendrot so natürlich und nachvollziehbar. Langsam aber sicher schließt man die Figuren in sein Herz, bis man mit ihnen lacht und leidet.

„Die letzten Dinge“ ist eine unterhaltsame und willkommene Ablenkung vom eigenen Alltag!

Autorenportrait:
Annegret Held wurde 1962 im Westerwald geboren. Nach ihrem Abitur machte sie ein Praktikum im Krankenhaus und darauf ein freiwilliges Soziales Jahr in der Lebenshilfe. 1982 beginnt dann ein ganz neues Kapitel in ihrem Leben: Sie macht eine Ausbildung an der Polizeischule und fährt als Polizei-Hauptwachtmeisterin drei Jahre Streife in Darmstadt und Frankfurt. 1987 beginnt sie ein Studium der Ethnologie und Kunstgeschichte, arbeitet danach bei einem Anwalt, dann als Buchhändlerin und später in diversen Pflegeberufen. Sie erhielt für ihr Schaffen u. a. im Jahr 2001 den „Berliner Kunstpreis“ der „Berliner Akademie der Künste“ für Literatur und 2003 den „Koblenzer Literaturpreis“. Darüber hinaus erhielt sie verschiedene Stipendien, u. a. ein Stipendium der „Arno-Schmidt-Stiftung“ und das Stipendium „Ledighouse“ in New York. Heute arbeitet sie als Schriftstellerin und gelegentliche Aushilfe im Pflegeheim. Sie lebt mit ihrer Tochter in Frankfurt.

Die letzten Dinge

Annegret Held
Die letzten Dinge
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main
ISBN 3-8218-5733-1
1. Auflage 2005, 367 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag.
Unverbindliche Preisangabe: € 22,90 (D) / € 23,60 (A) / sFr 39,90

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