Die kleine Kartäuserin
Sensibler Roman über das Leben, den Tod und die Kraft der Literatur
(bhs).
Eine französische Kleinstadt im Novembergrau. Zwei Menschen, die zunächst
nichts miteinander zu tun haben. Eva, klein, mager, verletzlich. Etienne Vollard,
einsamer Buchhändler, bullig, ein Mann, der sich selbst im Wege steht.
Eva überquert auf der Suche nach ihrer Mutter einen gefährlichen Boulevard,
Etienne transportiert in seinem Lieferwagen Bücher. Noch geht jeder der
Beiden seiner eigenen Wege, doch diese werden sich an einem einzigen Punkt treffen...
.
Autor Pierre Péju ist ein großartiger Erzähler und Elsbeth
Ranke, die den Roman aus dem Französischen übersetzte, nicht minder
brillant. Wenn Etienne plötzlich den kleinen roten Anorak vor der Windschutzscheibe
sieht, den Aufprall des Kinderkörpers hört, überträgt sich
sein furchtbares Erschrecken wie ein Stromstoß. Wenn er versucht, die
ins Koma gefallene Eva ins Leben zurückzuholen, indem er ihr unermüdlich
Geschichten erzählt, verschwimmen die Worte beim Lesen. Den Buchhändler
trifft keine Schuld. Doch die Tragik birgt Gutes: Ein Weg aus der Einsamkeit.
Der Sonderling erwacht aus seinem Stillstand. Bis Eva aus dem Koma erwacht.
Stumm bleibt und in ein weit entferntes Sanatorium verlegt wird... .
Menschliches, Sensibles. In sanftschöne, teils brutal-ehrliche Worte gefasst.
Das macht „Die kleine Kartäuserin“ zu einem großen Roman
über das Leben, den Tod und die Kraft der Literatur. Der Autor ist Dozent
für Philosophie, Essayist, Verfasser mehrerer Biographien deutscher Dichter.
Das dichterische spürt der Leser sofort. Pierre Péju hat seinen
Roman „Die kleine Kartäuserin“ wie ein Drei-Personen-Stück
in drei Akten umgesetzt.
Im ersten Akt der Schrecken: Der Aufprall schleudert die Kleine auf die Motorhaube, für den Bruchteil einer Sekunde schauen Eva und Etienne sich an. Krankenwagen, Protokoll, die Zeugen, die Etiennes Unschuld bestätigen. Thérèse, die verstörte, alleinerziehende Mutter des Mädchens. Wie immer verspätet, von Jobsuche oder Männerbekanntschaften abgehalten, überfordert vom Leben, jetzt gänzlich hilflos. Etienne beschäftigt nur eine Frage: Wird das Kind überleben?
Zweiter Akt: Eva überlebt, liegt nach schweren Operationen wochenlang im
Koma. Thérèse kann die Besuche kaum ertragen. Der Fremde beginnt
sich um sie zu kümmern, als die Krankenschwester ihn auffordert: „„Ah!
Da ist ja der Vater des kleinen Mädchens... Sehr gut. Sie werden mit ihr
reden. Hören Sie vor allem nicht auf damit, bleiben Sie dabei... Stimulieren
Sie sie. Sagen Sie sich, dass sie Sie hört, dass sie Sie am Ende hören
wird, dass sie da ist.“ „Aber ich bin nicht ihr..“ stammelte
Vollard. „Gehen Sie ganz nah an das Ohr Ihrer Tochter heran, Sie werden
sehen...““ Hier also gerät Vollard zum Vater. Etienne,
der Einsiedler und Sonderling, der seit Jahren nur Zwiesprache mit den Texten
der Dichter gehalten, schon lange niemanden mehr im Arm gehalten hat, erzählt
dem Kind die schönsten Geschichten, die er in den Büchern seines Buchladens
„Wort und Sein“ finden kann, und erfüllt Literatur mit der
Wärme seines Wesens. Und Eva wacht auf. Sie lebt, aber hat ihre Sprache
verloren.
Im dritten Akt die Rehaklinik: Das Mädchen bleibt stumm. Auf den Spaziergängen in der grandiosen Landschaft der Grande Chartreuse verstummt selbst die Sprache der Dichter. Der Tod greift nach dem zerbrechlichen Mädchen. Etienne kann seiner eigenen Todesssehnsucht nicht widerstehen... . – Und der Leser nicht seinen Gefühlen, den Tränen, der Gänsehaut.
Pierre Péju hat eine Geschichte im Stil des Nouveau Roman geschrieben.
In einer Sprache ohne Pathos und Schnörkel ist ihm mit „Die kleine
Kartäuserin“ ein wunderbares, zauberhaftes Buch gelungen!
Autorenportrait:
Pierre Péju, 1950 geboren, ist Dozent für Philosphie, Essayist und
Autor mehrere Biographien, u.a. über Tieck, Chamisso und Bonaventura. „Die
kleine Kartäuserin“ ist sein erster Roman, der auf deutsch erscheint;
in Frankreich war er 2003 einer der größten Bucherfolge der letzten
Jahre.
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