Die fabelhafte Welt der Leichen
Warum mit dem Tod noch lange nicht alles vorbei ist
(jaf).
Dieses Buch ist ein Tabubruch. Die TV-Figuren Quincy und Robert Kolmaar, bestimmt
auch Autorin Kathy Reichs mögen der amerikanischen Wissenschaftsjournalistin
Mary Roach in Punkto öffentlicher Wahrnehmung und Akzeptanz der Tätigkeit
von Gerichtsmedizinern garantiert den Weg geebnet haben – doch diesen
geht die profilierte Journalistin im Werk „Die fabelhafte Welt der Leichen“
ein gutes Stück weiter. Bei ihr gibt es keine geschickt inszenierte Dramaturgie
des Todes, an dessen Ursachenforschung die Gerichtsmediziner sich kriminalistisch
verdingen, um den Romanleser in einem dicht gewebten Netz aus Spannung und wohligen
Schauern gefangen zu nehmen.
Nein, für Mary Roach steht das pure Faktum „Tod“ im Mittelpunkt
– so schlicht und doch so facettenreich. Was geschieht mit dem Körper,
wenn man stirbt? Womit verbringen Gerichtsmediziner, Beerdigungsunternehmer,
Verletzungsanalytiker ihren Tag? Wozu wurde schon in früherer Zeit mit
Leichen experimentiert? Das sind die Fragen aus der „Welt der Leichen“,
denen sie sich mit unglaublicher Akribie widmet, aus dem Amerikanischen von
Michaela Grabinger übersetzt. Beharrlich schreitet Mary Roach dabei mit
investigativer Neugier voran, fragt dort, wo andere irritiert schweigen würden
– und schafft es damit, nach und nach verständlich zu machen, weshalb
der Tod Teil menschlicher Existenz ist. „All diese Dinge gehören
nun einmal zum Leben – auslaufende und eindringende Flüssigkeiten“,
schreibt Mary Roach mit einer Selbstverständlichkeit, die sich wie ein
roter Faden durch das gut 300 Seiten starke Werk zieht, „Rotz, Eiter,
Schleim, Harnröhrenausfluß. Wir sind Biologie. Daß das so ist,
daran werden wir am Anfang und am Ende erinnert, bei der Geburt und beim Tod.
In der dazwischenliegenden Zeit tun wir alles, um möglichst zu vergessen.“
Dass das irdische Leben endlich ist, ist die Grundüberlegung der Religionen.
Es mag dieses unwiderlegbar Endgültige sein, das den Tod mystifiziert,
ihn unheimlich, unnahbar und unverständlich macht. Dass der Körper
jedoch auch nach diesem Vorgang weiterexistiert und damit biologischen Vorgängen
unterworfen ist, schreckt viele ab – zu Unrecht, wie Mary Roach Seite
um Seite beweist, ist doch eine Beschäftigung mit diesen Umständen
für sie nicht weniger verwerflich als die wissenschaftliche Betrachtung
von Tiefseewesen oder dem Sternenhimmel.
In wie viele Bereiche sich dabei die Beschäftigung mit dem Tod ausbreitet,
weiß Mary Roach dank intensivster Recherche zu berichten: Monate, vielleicht
Jahre muss die Autorin damit zugebracht haben, Einführungsliteratur und
Fachartikel zu studieren, Forschungsinstitute zu besuchen und mit über
die Welt verteilten Fachleuten zu sprechen. Herausgekommen ist ein schillerndes
Kompendium aus zwölf Kapiteln, das sowohl erhellende Einblicke in die Geschichte
der anatomischen Forschungen seit der Antike und den altägyptischen Einbalsamierern
bietet, Verfahren der Gerichtsmedizin, Möglichkeiten der experimentellen
Erkenntnisse und auch die Debatte strittiger Fragen wie die der Organspende
und des Hirntodes zu beleuchten vermag. Ausführliche Beschreibungen über
Analysen der Verwesung kommen hierin vor, der Einsatz von Spenderleichen für
chirurgische Experimente oder als Crashtest-Dummys wird erläutert, frühe
Methoden der Todesfeststellung (Rammen eines spitzen Bleistiftes in die Nase,
Aufritzen der Fußsohlen) werden ebenso erläutert wie Jahrtausende
alte Gewichtsverlustexperimente von Ägyptern, Babyloniern oder Griechen
auf der Suche nach der dem Toten entweichenden Seele.
Besonders beachtenswert dürften dabei jedoch jene Kapitel über „Kreuzigungsexperimente“
zur Erforschung der Echtheit des Turiner Grabtuches, in dem der Leichnam Jesus’
bestattet sein sollte, zum „medizinischen Kannibalismus“ oder zu
„Leichen, die den Kopf verlieren“ sein. Es dürfte nur in wenigen
Büchern zu erfahren sein, dass auf arabischen Basaren des 12. Jahrhunderts
„Mumienkonfekt“, in Honig eingelegte menschliche Überreste
mit angeblich medizinischer Wirkung, verkauft wurden, im China des 16. Jahrhunderts
auf Hautschuppen und Trommelfelle als Arzneien gesetzt wurde und im europäischen
Mittelalter Menstruationsblut unter dem Namen „Mägdeleins Zenith“
Leiden lindern sollte. Auch dass in den USA der 1950er Jahre tatsächlich
Experimente stattfanden, in denen Hunde- und Affenköpfe transplantiert
wurden, dass in den 30er Jahren Menschen ans Kreuz geschlagen wurden, um austretende
Blutströme zu messen und bis heute in China Tabletten mit Föten-Anteilen
im Umlauf sind, gehört zu den von Mary Roach recherchierten Fakten, die
den Tod in der Gesellschaft präsent halten – so gruselig diese Umstände
auch sein mögen.
Wenngleich Mary Roach nicht ohne eine gewisse Portion Zynismus daherkommt („Tote
sind im allgemeinen nicht mit besonders vielen Talenten gesegnet. Sie können
weder Wasserpolo spielen noch ihre Stiefel schnüren noch Marktanteile.
Sie können keine Witze erzählen und überhaupt nicht tanzen. Aber
eine besondere Fähigkeit haben sie doch: Sie können ausgezeichnet
mit Schmerzen umgehen“), was dem Ernst des Buches durchaus einen
frischen Wind an die Seite stellt, ist jedoch alles, was sie beschreibt von
großem Respekt gekennzeichnet. „Für mich ist es leichter,
einen Toten vor mir zu haben als einen Sterbenden“, bekennt sie sensibel,
„Tote haben keine Schmerzen und keine Angst vor dem Tod. In ihrer
Gegenwart gibt es weder peinliches Schweigen, nicht Gespräche, in denen
um das Eigentliche herumgeredet wird. Tote haben nichts Schreckliches an sich.“
Natürlich geht es dabei auch darum, dem Tod die vermeintliche Sinnlosigkeit
zu nehmen: „Seit zweitausend Jahren sind Tote (…) an den kühnsten
wissenschaftlichen Neuerungen und den sonderbarsten Projekten beteiligt“,
schreibt Mary Roach und hat natürlich eine Menge Belege parat – seien
es die jährlich 8.500 Menschen, die durch Leichenexperimente in Crash-Tests
gerettet werden können, seien es die Opfer von Morden, die schließlich
durch neue Erkenntnisse aufgeklärt und deren Familien so Genugtuung beschafft
werden kann.
Immer wieder gelingt es Mary Roach, den Schrecken des Lesers über die geschilderten
Schrecken, die beschriebenen Gerüche, Farben, Handlungen mit den Toten
und „einstigen Menschen“ aufzufangen. Sie schildert ihre eigenen
Empfindungen, fragt die Experten das, was auch den Leser bewegt – und
erfährt dabei, wie es möglich ist, den Tod als etwas Natürliches
zu betrachten. „Es ist ein blutiger, aber kein trauriger Job“,
erfährt die Autorin von einem Verletzungsanalytiker. „An die
grausigen Fakten gewöhnt man sich. An zerstörte Leben nicht“,
hört sie und bekommt den Mechanismus erklärt, den auch Pathologen
verwenden: Während der Autopsie beschreiben sie die Augen, dann den Mund.
Man macht nicht einen Schritt zurück und sagt: ‚Dieser Mensch ist
Vater von vier Kindern. Nur so lässt sich das emotional verkraften‘.“
Mary Roach überwindet ihre Ängste, mutig konfrontiert sie sich mit
dem, was man normalerweise nicht zu sehen bekommt – und durch ihre Augen
kann auch der Leser betrachten. An Sektionen und Versuchen, selbst an einer
Organentnahme-OP nimmt Mary Roach teil und schreibt: Der Entnahmechirurg „hält
einen Elektrokauter in der Hand, der wie die billigen Kugelschreiber aussieht,
die in der Bank an Kunststoffkordeln hängen, der aber wie ein Skalpell
funktioniert. (...). Bei diesem Verfahren kommt es zu relativ geringen Blutungen,
dafür aber zu einer intensiven Rauch- und Geruchsentwicklung. Es ist kein
ekliger Gestank; es riecht einfach nach angebratenem Fleisch. Ich wüsste
gern von Dr. Posselt, ob er diesen Geruch mag, bringe die Frage aber nicht über
die Lippen und frage ihn statt dessen, ob er es schlimm findet, dass mir der
Geruch angenehm ist, was aber auch nicht ganz stimmt. Er antwortet, der Geruch
sei weder übel noch gut, sondern schlicht morbid.“
So kenntnisreich, fundiert und dabei so einfühlsam wie im (ein wenig reißerisch
ins Deutsche übersetzten) Titel „Die fabelhafte Welt der Leichen“
dürfte selten in einem für ein breites Publikum gedachtem Buch über
das Phänomen Tod geschrieben worden sein. Kaum etwas wird ausgelassen,
die Erläuterung des „Leichenfragmentations-Code“ hat
ebenso seinen Platz wie die Erläuterung der Frage, warum Menschen beim
Flugzeugabsturz die Kleidung abgerissen wird oder Schussverletzte anders als
Tiere sofort nach der Verletzung zusammenbrechen.
Am Ende gibt es Fragen, die verständlicherweise offen bleiben – Fragen,
die nicht zuletzt sich damit befassen, warum Menschen den Tod ausgrenzen, andere
ihn akzeptieren, andere fasziniert sind; warum der Mensch lebt und auch wieder
sterben muss, erklärt Mary Roach natürlich nicht, aber sie akzeptiert
es als Tatsache. Und das ist das Entscheidende: Dass der Tod etwas Natürliches
ist, in seinen Vorgängen weniger eklig als durchaus auch spannend und seit
Jahrtausenden ein Betätigungsfeld für den nach Wissen strebenden Menschen
konnte Mary Roach in diesem auch sehr persönlichen Buch allemal zeigen.
Nicht zuletzt das Schlusskapitel, in dem die Autorin selbst Auskunft darüber
gibt, warum sie nach ihrem Tod Organspenderin sein möchte und eine weitere
Verwendung ihrer Leiche lieber ihrem Mann überlassen möchte, offenbart
natürlich, dass es sich bei diesem Thema um die Beschäftigung mit
einer ur-menschlichen Frage handelt. So wie Mary Roach diese behandelt hat,
ist jedoch bemerkenswert – in ihrem unglaublichen Rechercheaufwand und
dem entschiedenen Plädoyer, den „letzten Dingen“ den Schrecken
zu nehmen.
Autorenportrait:
Mary Roach lebt mit ihrem Mann und ihrer Stieftochter in San Francisco. Sie
schreibt für „Vogue“, die „New York Times“ und
„Reader’s Digest“.
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