Der wunderbare Massenselbstmord

Skurrile Story mit vorhersehbarem Ende

Literaturtipp(asp). Der Roman „Der wunderbare Massenselbstmord“ des populärsten Schriftstellers aus Finnland, Arto Paasilinna, ist, wie man es von einer angepriesenen „Ikone des skurrilen Humors“ erwartet, unkonventionell und in seiner zugrunde liegenden Idee nahezu verrückt. Da versuchen sich zwei Finnen am Tag des Mitsommerfestes das Leben zu nehmen und zwar ausgerechnet in ein- und derselben abgelegenen Scheune. Der Eine, Oberst im Ruhestand, kann nach dem Tod seiner Frau dem Leben nichts mehr abgewinnen, das Nylonseil hat er sich schon um den Hals gelegt, bereit, jeden Moment den sicheren Boden unter den Füßen gegen das vermeintlich erlösende Zuziehen der Schlinge einzutauschen. Doch der Andere, gescheiterter Unternehmer, der nach etlichen Pleiten nur noch den Selbstmord durch Kopfschuss als Ausweg sieht, kommt dem, in militärischer Manier fest entschlossenen Oberst zuvor. In letzter Sekunde kann er den, auf einem Stuhl taumelnden Würdenträger aus der Todesschlinge befreien. Und bevor sich die lebensmüden Herren ein erneutes Mal auf die Reise ins Jenseits begeben wollen, ziehen sie sich für einige Tage in das vom Gerichtsvollzieher bisher verschonte Sommerhaus des insolventen Lebensretters zurück.

Zwischen reichlich Alkohol und ausgiebigen Gesprächen erkennen sie schnell den therapeutischen Charakter des Gedankenaustauschs unter Gleichgesinnten, was sie zu einer, in der Geschichte des finnischen Selbstmords bis dato einzigartigen Aktion veranlasst: Auf der Suche nach weiteren suizidalen Finnen, schalten sie eine Anzeige in der Zeitung und veranstalten in Helsinki ein Selbstmordseminar. Da sich alle Teilnehmer ihrer Sache, dem baldigen Freitod, sicher sind und es bisher nur an dem Wie und Wo scheiterte, entschließen sich schließlich rund 20 todeswillige Finnen in einem gecharterten Luxusbus dem gemeinschaftlichen Massenselbstmord entgegenzufahren. Doch wie das Leben so spielt, kommt immer alles anders als man denkt… .

Dass die selbstmörderische Veranlagung der Finnen ein übliches Klischee ist, das Arto Paasilinna in „Der wunderbare Massenselbstmord“ aufgegriffen hat, um daraus eine skurrile Geschichte zu machen, ist nichts Verwerfliches, die Idee mag sogar genial sein. Doch wie mit allen Vorurteilen, will auch dieses vorsichtig und behutsam behandelt werden. Arto Paasilinna hingegen überstrapaziert diesen Gemeinplatz eindeutig zum Nachteil seines Romans. Keiner der über 20 Charaktere wird dem Leser vertraut, geschweige denn in seiner Selbstmordabsicht wirklich verständlich. Die Gründe ihrer lebensmüden Grundeinstellung werden zwar kurz genannt, mehr als herkömmliche Klischees wie finanzielle Nöte, Einsamkeit oder Krankheit werden aber nicht bedient. Zudem fehlt ein Protagonist, der dem Leser die tiefe menschliche Verzweiflung, welche einem Selbstmordversuch in der Regel vorangeht, offenbaren könnte – aber auch diesen emotionalen Tiefgang sucht man in „Der wunderbare Massenselbstmord“ vergeblich. Doch nicht genug mit der Schelte, denn die ermüdende und wenig ergiebige Aneinanderreihung von gängigen Klischees fängt erst richtig an, wenn die Suizid-Reisegruppe Finnland verlässt. In Deutschland sind es die Skinheads, in Frankreich die liebestollen Männer und in der Schweiz die ordentlichen Friedhöfe – Stammtischparolen, kann ich da nur sagen.


Leider bleibt auch der im Klappentext angepriesene skurrile Humor auf der Strecke, denn die dafür notwendige Ironie, geschickte inhaltliche Wendungen oder eine überspitzte Schreibe, die ein Zwischen-den-Zeilen-Lesen ermöglichen würden, sind Mangelware. Fesselt anfangs noch die ungewöhnliche Story, ist spätestens ab der Hälfte des 300 Seiten starken Romans das Ende vorhersehbar. Die sehr einfache, oftmals banale Sprache, aus dem Finnischen von Regine Pirschel übersetzt, lässt sich zwar flüssig lesen, in den Genuss sprachlicher Finesse kommt der anspruchsvolle Leser bedauerlicher Weise aber nicht. Der Fortgang des Romans wirkt ein wenig wie die im Deutschunterricht viel gescholtene Aneinanderreichung von „und dann, und dann, und dann“, belanglose Informationen gibt es zuhauf, die auch, wenn man noch so lange überlegt, für die eigentliche Geschichte, die Charaktere oder den Humor völlig unerheblich sind.

Arto Paasilinna hat in seinem Roman „Der wunderbare Massenselbstmord“ eine bezüglich der Originalität wirklich beachtliche Story verarbeitet, seine schriftstellerische Leistung kann allerdings nicht anders als mangelhaft bewertet werden. Fazit: Skurrile Idee, deren Umsetzung in einen skurrilen, doppelbödigen Humor leider gescheitert ist!

Autorenportrait:
Arto Paasilinna, der Meister des skurrilen Humors, wurde 1942 im lappländischen Kittilä geboren. Er ist Journalist und der populärste Schriftsteller Finnlands. Für seine Bücher wurde er in Finnland, Italien und Frankreich mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Inzwischen hat er rund 40 Romane veröffentlicht, von denen viele verfilmt und ausnahmslos alle in die verschiedensten Sprachen übersetzt wurden.

Literaturtipp

Arto Paasilinna
Der wunderbare Massenselbstmord
Aus dem Finnischen von Regine Pirschel
Edition Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach
ISBN 3-7857-1534-X
3. Auflage, 283 Seiten, Leinen gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen.
Unverbindliche Preisangabe: € 18.- (D) / € 18,50 (A) / sFr 30,70

Buch bestellen.

 

Der wunderbare Massenselbstmord

Arto Paasilinna
Der wunderbare Massenselbstmord
Aus dem Finnischen von Regine Pirschel
BLT Verlag, Bergisch Gladbach
ISBN 3-404-92168-2
1. Auflage, 283 Seiten, Taschenbuch.
Unverbindliche Preisangabe: € 7,90 (D) / € 8,20 (A) / sFr 14,60

Buch bestellen.

© Copyright by: Public Dialog Hamburg

www.literaturtipp.com

Impressum