Der Sarotti-Mohr
Die bewegte Geschichte einer Werbefigur
(asp).
Überwältigende 98 Prozent der Deutschen kennen den Sarotti-Mohr. Vor
fast 90 Jahren, in den letzten Wochen des Ersten Weltkriegs erblickte die kleine
schwarze Figur mit den prächtigen, orientalischen Gewändern, dem riesigen
Turban und den goldenen Schnabelschühchen das Licht der Welt. Aus Anlass
des 50-jährigen Firmenjubiläums des Confiserie-Geschäfts „Sarotti“
wurde der kleine Mohr vom Berliner Grafiker Julius Gipkens zum Leben erweckt
und avancierte in den folgenden Jahren zum unverkennbaren Markenzeichen des
Unternehmens.
Die Idee, einen kleinen, servierenden Mohrenpagen als Werbefigur für Schokolade
zu kreieren, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht ungewöhnlich. Der
Mohr war dem Publikum eine bereits bestens vertraute Gestalt, denn Literatur
und Kunst hatten sich schon längst vom dunkelhäutigen Fremden inspirieren
lassen. Man denke nur an den „kleinen Muck“ aus dem gleichnamigen
Märchen von Wilhelm Hauff oder an den farbensprühenden und ornamentalen
Orientalismus als wichtiges Element in der Kunst des 19. Jahrhunderts.
Um die Jahrhundertwende entdeckte auch die Wirtschaft die Faszinationskraft
der Muselmanen und nutzte sie als Werbefiguren für Kolonialwaren. „Sarotti“
lag demnach absolut im Trend der Zeit und ließ 1922 den Mohren als Werbefigur
eintragen, der auch heute noch als Sarotti-Mohr bekannt ist. Dass er noch Jahrzehnte
später tief im Herzen der Schokoladenliebhaber verankert ist, hätten
seine Gründer sicherlich nicht einmal zu träumen gewagt. Bis heute
hat die Werbefigur eine bewegte Geschichte durchlaufen – in ihr liegen
Glanz und Elend, Genuss und Reue, Aufstieg und Niedergang eng beieinander.
Dem wechselvollen Schicksal der Werbefigur folgen die Autoren Rita Gudermann
und Bernhard Wulff in ihrem reich bebilderten Buch „Der Sarotti-Mohr“.
Da Werbung immer auch ein Spiegelbild der Zeit ist, in der sie agiert, geht
es in ihrem Buch um mehr, als nur um die Geschichte einer Werbefigur. Das Erfolgsgeheimnis
des Sarotti-Mohren führt weit zurück in die Boudoirs adliger Damen
des 16. und 17. Jahrhunderts, in Berliner Confiseri-Geschäfte des 19. Jahrhunderts
und ist aufs engste verknüpft mit der Geschichte der Kolonial- und Luxusware
Schokolade sowie der Entwicklung der Süßwarenindustrie. Der Aufstieg
des Sarotti-Mohren zu einer der bekanntesten und beliebtesten Werbefiguren wäre
nicht zu erklären, erzählt man nicht auch ein Stück Wirtschafts-
und Kulturgeschichte.
Rita Gundermann ist dies unter Mitarbeit von Bernhard Wulff wirklich hervorragend
gelungen. Ihr wissenschaftlicher Background spiegelt sich in einer sorgfältigen
Recherchearbeit wider, niemals isoliert sie die Entwicklung der Werbefigur vom
gesellschaftlichen Umfeld. So verschweigt sie auch nicht, dass seit dem Ende
der 1960er Jahre mit der zunehmenden Werbekritik auch stetig die Einwände
gegen eine Werbefigur stiegen, in der so mancher Kritiker einen rassistischen
Stereotyp erkennt. Im Jahr 2004 trugen die Marketing-Experten der anhaltenden
Kritik Rechnung und verpassten dem Sarotti-Mohren ein neues Image: Aus dem schwarzen
Diener, ist ein „Magier der Sinne“ mit aufgehelltem Gesicht
geworden. Verbietet ihr wissenschaftlicher Anspruch Rita Gudermann zwar eine
persönlich motivierte Verurteilung der Marketing-Bestrebungen, so lässt
sie dennoch durchklingen, dass sie den alten Mohren vermissen wird.
Die Texte lesen sich trotz der wissenschaftlichen Arbeitsweise der Autoren leicht
und flüssig. Die recht kurzen Kapitel in „Der Sarotti-Mohr“
machen die Lektüre zu einem wirklich unterhaltsamen Lesegenuss. Durch zahlreiche
historische Bilder und farbige Abbildungen prachtvoller Sammlerstücke wird
die Wandlung des Sarotti-Mohren auch optisch zu einem Erlebnis. Die eingefügten
Fußnoten im Text verweisen auf verwendete Quellen, kennzeichnen Zitate
und verweisen auf Anmerkungen der Verfasser. Um auf störende Textblöcke
direkt auf der Seite zu verzichten, wurden die Fußnoten ans Ende des Buches
gestellt.
Das liebevoll gestaltete Buch „Der Sarotti-Mohr“ garantiert nicht
nur für den eingeschworenen Sarotti-Fan spannende Einblicke in die Geschichte
der krisenbewährten Werbefigur, sondern bietet allen, die sich für
die deutsche Geschichte und ihre Auswirkungen auf die Kultur der Werbung interessieren,
einen ungewöhnlichen Blick auf die Vergangenheit.
„Der Sarotti-Mohr“ erzählt auf faszinierende Weise die Geschichte
einer Werbefigur und plädiert zugleich für einen Blick über den
Tellerrand – ein wirklich spannendes Lesereignis!
Autorenportrait:
Rita Gudermann, Jahrgang 1964, Studium der Wirtschaftsgeschichte, Germanistik
und Biologie in Berlin, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Wirtschaftsgeschichte.
Seit 2001 hauptberuflich freie Journalistin und Autorin unter anderem für
„Die Zeit“, „WDR“, „Tagesspiegel“, „Deutschlandfunk“,
„Deutschlandradio“ und dem Magazin „damals“. Veröffentlichungen
zur Wirtschafts-, Sozial-, und Umweltgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.
Bernhard Wulff, Jahrgang 1961, Schulzeit in West-Berlin; Werbetechniker, derzeit
im öffentlichen Dienst tätig. Seit zwölf Jahren begeisterter
Sammler von Sarotti-Werbeartikeln. Seine Sammelleidenschaft war Anregung für
dieses Projekt.
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