Defining America
Führende amerikanische Intellektuelle erklären den Charakter ihrer Nation
(flk).
Als Mihaela Opritoiu gemeinsam mit ihrer Familie auf dem New Yorker Kennedy
Airport ankam, war sie verwirrt und wusste nicht mehr weiter. Sie hatten ihre
rumänische Heimat und mit ihr all das wirtschaftliche Elend hinter sich
gelassen und standen nun im Begriff in der Fremde, in den USA, noch einmal neu
zu anzufangen. Aber wie beginnen, in einem Land, in dem man niemanden kennt.
So fragte Mihaela einen Sicherheitsbeamten, wo sie jetzt hingehen solle. Seine
Antwort sollte ihr für immer im Gedächtnis haften bleiben: „Lady,
dies ist ein sehr großes und ein sehr freies Land. Sie können überall
hingehen, wohin sie wollen.“
Mit dieser prägenden kleinen Anekdote endet das Vorwort des Herausgebers
David Halberstams zu seinem begeisternden Sachbuch „Defining America“.
Gemeinsam mit zahlreichen weiteren Personen der Zeitgeschichte und des öffentlichen
Lebens hat der langjährige Autor, Journalist und Pulitzerpreisträger
ein opulentes Werk über den Charakter der Vereinigten Staaten vorgelegt.
Sechs Ober- und zahlreiche Unterkapitel führen den Leser durch ein Land,
das wie wohl kaum ein zweites die Menschen rund des Globus fasziniert, emotionalisiert
aber auch manchmal recht rüde vor den Kopf stößt. Gerade in
der heutigen Zeit, die vom Misstrauen, vom Terror und vom Alleingang der amerikanischen
Führung in Fragen des internationalen Dialogs geprägt ist, ist es
von entscheidender Bedeutung, Amerika losgelöst von der schnelllebigen
Tagespolitik zu betrachten. Ein Land, und dies trifft auf die USA in besonderem
Maße zu, definiert sich durch Werte, die sich seit Generationen entwickelt
haben. Diesen Charakter der amerikanischen Gesellschaft zu umreißen und
dem Leser zu vermitteln, ist das erklärte Ziel des Bandes „Defining
America“.
„Ein Land der Möglichkeiten“ – so leitet das erste Kapitel
in das Thema ein. Wie der jungen rumänischen Einwanderin Mihaela Opritoiu
bieten die USA jedem ihrer Bürger die Möglichkeit neu anzufangen,
die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Dass hier jeder, sofern er sich nur
bemüht, seine zweite Chance bekommt, davon berichtet Vartan Gregorian.
Er zeichnet auf mehreren Seiten das Bild seiner Familie, die bettelarm die Einwanderungshallen
in Ellis Eiland durchschritt, sich emporarbeitete, Opfer brachte, und die sich
Schritt für Schritt in die amerikanische Gesellschaft integrierte. 1979
sprach er dann gemeinsam mit 77 Einwanderern aus 27 Ländern die feierlichen
Worte der Einbürgerungszeremonie und wurde damit endgültig zum Bürger
dieses Landes. Was aber bedeutet es, amerikanischer Staatsbürger mit allen
Rechten und Pflichten zu sein? Anthony Lewis Beitrag zu diesem Werk handelt
von dem Schutz, den die Verfassung ihren Bürgern gewährt. Diese erste
freiheitliche Constitution der Welt war Amerikas Antwort auf Tyrannei und Fürstenwillkür
in der alten Heimat Europa und das bereits im Jahr 1787. Sie wurde flankiert
durch die „Bill of Rights“, einem zusätzlichen Katalog,
der die Freiheit des Individuums gegenüber der Staatsgewalt unter besonderen
Schutz stellt. Dass aus der Gruppe der freien Bürger eine ethnische Minderheit
herausfiel, ist ein düsteres Kapitel amerikanischer Geschichte.
„Kampf gegen den Rassismus“ stellt die Marginalisierung der Farbigen,
ihren Ausschluss von politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Macht
in den Vordergrund. Schonungslos beleuchtet „Defining America“ diese
Missstände. Zeitzeugen berichten wie sie erleben mussten, dass schwarze
Studenten unter dem Schutz des Militärs an Vorlesungen teilnahmen, radikale
Weiße in den Südstaaten Tod und Verderben brachten und schließlich
Martin Luther King seine berühmte „I have a dream“-Rede
hielt. Es sind neben den großen politischen und geschichtlichen Ereignissen,
wie der japanischen Attacke auf Pearl Harbour oder der Niederlage in Vietnam,
aber gerade die kleinen Geschichten und Anekdoten aus dem Alltag, die diesen
Band so prägen. Ein Kapitel widmet sich der Flucht der weißen Mittelschicht
hinaus in die Vorstädte, wieder andere haben den Arbeitsalltag der Amerikaner
zwischen Fließband und den Start-Ups im Silicon-Valley näher beleuchtet.
Amerika – so wird nach der Lektüre dieses reich bebilderten Buches
deutlich – ist kein großes Ganzes aus einem Guss, sondern die Schnittmenge
seiner verschiedenen Strömungen.
Wie ein Mosaik setzen sich so auch die vielen Bilder und Illustrationen in „Defining
America“ zusammen. Sie sind so vielfältig wie die Zeit aus der sie
kommen und das Land selbst. Einige von ihnen haben sich in das kollektive Gedächtnis
der Welt eingebrannt, wie zum Beispiel die offenen Militärhubschrauber
vor Vietnams Dschungelkulisse oder die Fallschirmjäger in Little Rock,
die 1957 schwarzen Schülern zu ihren Rechten verhalfen. Andere dagegen,
und das ist die Mehrzahl, zeigen einen intimen Blick auf das Alltagsleben: Straßenkreuzer
auf den Highways, Autokino, Vorstadtsiedlungen oder Familienleben am Pool in
den 1950ern. Teilweise sind sie in Farbe, andere spiegeln in ihrer schwarz-weißen
Ästhetik jedoch das Lebensgefühl in der ersten Hälfte des letzten
Jahrhunderts wieder.
Abgerundet wird dieses gelungene Buch, das von Dr. Thomas Laugstien, Gerlinde
Schermer-Rauwolf, Jochen Schwarzer und Heike Steffen aus dem Amerikanischen
übersetzt wurde, durch ein ausführliches Personenporträt der
verschiedenen Autoren und ein umfangreiches Sach- und Bildregister im Anhang.
Für die deutsche Ausgabe hat Alexandra Schlüter ein eignes Vorwort
geschrieben, das noch einmal im Besonderen auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen
und ihre Irritationen und Verwerfungen in der letzten Zeit eingeht. Es ist ein
sehr individualistischer Blick, den „Defining America“ auf die USA
wirft. Das Buch bietet keine wissenschaftliche Abhandlung über die Nation,
aber das ist auch gar nicht sein Ansatz. Es sind einfach nur 35 amerikanische
Bürger, die ihre Gedanken zu Papier gebracht haben, und so liegt gerade
in dieser sehr persönlichen Sicht auf die Dinge die große Stärke
dieses Buches.
„Defining America“ ist ein großartiges Stück Zeitgeschichte
und für Leute, die sich auch nur ein wenig für dieses so wichtige
Land interessieren, ein absolutes „Must have“!
Herausgeberportrait:
David Halberstam hat 19 Bücher geschrieben. Er begann seine journalistische
Karriere 1955 als einziger Reporter der kleinsten Tageszeitung in Mississippi.
Für den „Tennesean“ in Nashville berichtete er über die
Anfänge der Bürgerrechtsbewegung. 1964 wurde er für seine früh
pessimistische Berichterstattung aus Vietnam für die „New York Times“
mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Er ist Mitglied der „Society of American
Historians“.
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