Das Buch Österreich

Texte, die man kennen muss

Das Buch Österreich(dsz). Die Österreicher bezeichnen sich selbst als friedliebend, sympathisch, gesellig, fleißig, gebildet und erfolgreich. Weitere Attribute, die sie sich zuschreiben, sind Verlässlichkeit, Wärme und Zielstrebigkeit. Die Österreicher wissen also, wer sie sind und was sie wollen. So sagt es zumindest Peter Ulram, Leiter eines Meinungsforschungsinstitutes, der diese Aussagen im Jahr 2004 im Rahmen der Umfrage „Österreichs Nationalbewusstsein heute“ gesammelt hat. Doch seit wann ist das so? Seit wann sind sich die Österreicher ihrer Identität und Nationalität derart bewusst – und wie sehen es Nicht-Österreicher?

Hans Rauscher, Herausgeber von „Das Buch Österreich“ möchte den Sachverhalt erklären und sich dabei auf den eigenen „Wortschatz“ verlassen: „Wir haben für dieses Buch Texte zusammengestellt, die man kennen muss, wenn man wissen will, was es heißt, Österreicherin oder Österreicher zu sein. Die Elemente des Bewußtseins haben sich über die Jahrhunderte verändert und waren oft und lange verschüttet oder bewußt unterdrückt, aber sie bildeten letztlich die Bestandteile des „Wir-Bewußtseins“, jenes kulturellen Gedächtnisses, das sich am Ende herausgebildet hat.

Dazu hat Hans Rauscher sich nicht auf bestimmte Textarten beschränkt. Er hat nicht nur die bekanntesten Österreichischen Autorinnen und Autoren aufgeführt; neben Ingeborg Bachmann, Stefan Zweig und Elfriede Jelinek bietet „Das Buch Österreich“ ein kulturelles Gesamt-Ensemble der österreichischen Geschichte. Wer einmal die Lektüre der Anthologie begonnen hat, oder zumindest darin herumblättert, findet sich unweigerlich in die Geschichte des kleinen Landes verstrickt. Auszüge aus Dramen, Erzählungen; Kurzgeschichten und Gedichte sind hier ebenso aufgeführt wie Gesetzestexte und Staatsproklamationen; Zeitungsartikel und Kommentare, politische Satiren und Minnegesänge. Die Verschiedenheit der Beiträge lässt „Das Buch Österreich“ zu einem Gesamtwerk werden.

Jedem einzelnen Beitrag geht ein ausführlicher Einführungstext voraus, der den Schreiber, dessen Leben und persönliche Situation zu dem Zeitpunkt des Schreibens genauestens erläutert. Der Leser verliert so nie den Zusammenhang der Geschehnisse aus dem Blick und kann der Geschichte Österreichs, die in zehn Kapiteln von den Anfängen bei den Römern bis zum heutigen Zeitpunkt chronologisch erzählt wird, ohne Probleme folgen. Von den Römern nämlich stammen die ersten Dokumente aus dem Jahre 70 nach Christus, danach ist die Geschichte des Landes geprägt durch die verschiedenen Besiedelungs- und Besatzungsphasen.

Auszüge aus der „Ostarrichi-Urkunde“ aus dem Jahr 996 zeigen die erste Namensnennung Österreichs, die „Georgenberger Handfeste“ von 1186 stellten den Beginn der Bildung eines österreichischen Länderkomplexes dar. Solche und ähnliche Staatsdokumente setzen sich fort bis hin zur „Proklamation über die Selbstständigkeit Österreichs“ vom 27. April 1945 und dem „Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich 1955“. Die Staatsdokumente und die Beiträge der großen Dichter und Denker sind Zeitdokumente, die durch ihre reine Präsenz den Hergang der Geschichte wiederspiegeln und erläutern. Aneinandergereiht ergeben sie ein großes Ganzes und ziehen selbst unwissende Leser in den Bann des Landes. Insbesondere die Mischung macht das Lesevergnügen aus: So findet sich beispielsweise ein Brief von Wolfgang Amadeus Mozart an seinen Vater neben der „Allgemeinen Schulordnung“, die 1774 von Maria Theresia erlassen wurde.

„Das Buch Österreich“ enthält Texte, die etwas festgesetzt haben; Texte, die umstritten waren; Texte, die beliebt waren (und es auch immer noch sind) und Texte, die schon vergessen waren. Oftmals überrascht dabei die tatsächliche Herkunft der Autoren: Walter von der Vogelweide, Der von Kürenberg, Franz Kafka, Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein – alles Österreicher. Bei der Lektüre der Anthologie wird sich die eine oder andere Überraschung ergeben: Was, der auch ein Österreicher? Dabei hatten die Deutschen doch seine Werke für sich beansprucht...

„Das Buch Österreich“ ist kein Loblied auf Österreich. Es ist ein Realitätsbericht, den Hans Rauscher dadurch erreicht, dass er tatsächlich auf den „eigenen Wortschatz“ zurückgreift. Dunkle Zeiten werden dabei nicht ausgespart, der Nationalsozialismus, Adolf Hitlers Reden und Treffen sowie ein Auszug aus „Mein Kampf“ werden zitiert und Texten von namhaften Autoren gegenübergestellt, die ihre eigene Einordnung in dieser antisemitischen Gedankenwelt suchen und sich öffentlich von den Vorgängen distanzieren. Die Reise durch die Geschichte Österreichs wird mit einem Beitrag des Bundespräsidenten Heinz Fischer beendet und symbolisiert damit die Vollständigkeit des Werkes.

Durch die Anhäufung von Weltliteratur finden sich aussagekräftige Zitate, reine Sprache und schöne Beschreibungen, ein guter „Wortschatz“ eben, den sich die Österreicher im Laufe ihrer langen Geschichte angeeignet haben und mit dem sie mittlerweile auch ziemlich gut umgehen können. „Das Buch Österreich“ sollte in jedem österreichischen Haushalt zu finden sein; es sollte in jeder deutschen Schule als Standartwerk vorhanden sein, da es die Gesamtheit des Landes darstellt. Es ist einfach komplett – dem ist nichts hinzuzufügen!

Herausgeberportrait:
Hans Rauscher, geboren 1944 in Wien, journalistische Arbeit seit 1965 u.a. bei „trend“, „profil“, „Wirtschaftswoche“, „Kurier“, ständiger politischer Kolumnist der Tageszeitung „Der Standard“ und des Nachrichtenmagazins „Format“. Zahlreiche Buchveröffentlichungen.

Das Buch Österreich

Hans Rauscher (Hrsg.)
Das Buch Österreich
Texte, die man kennen muss
Verlag Christian Brandstätter, Wien
ISBN 3-85498-391-3
1. Auflage 2005, 608 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, Format 17 x 24 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 29,90 (D) / € 29,90 (A) / sFr 52,90

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