Das andere Venedig
Wahre Kriminalgeschichten aus der Lagunenstadt
(jaf).
Commissario Brunetti ist ein kräftiges Zugpferd. Zuverlässig vagabundiert
der von Donna Leon erdachte venezianische Roman-Kommissar durch Bestsellerlisten
und öffentlich-rechtliche Fernsehprogramme, als Garant für Spannung
mit Niveau. Auf diesen seit Jahren ungestoppten Erfolgsexpress ist nun auch
die Journalistin Regine Igel mit ihrem Buch „Das andere Venedig –
Wahre Kriminalgeschichten aus der Lagunenstadt“ aufgesprungen. Ob Schmiergeldaffären
oder mafiöse Gaunereien, ein ungeklärter Opernbrand oder Umweltkriminalität
– all das, von dem Regine Igel erzählt, ist auch wirklich geschehen.
„Die Vielfalt brutaler Realität steht dem Erfindungsgeist einer
Donna Leon in nichts nach“, verspricht Regine Igel als Rechtfertigung
ihres beflissen recherchierten Doku-Krimi-Kompendiums und tritt sogleich den
Beweis an, denn schon in der Einleitung konfrontiert sie den Leser mit einer
durchaus überzeugenden Herangehensweise an ihre Thematik: Die Spannung
der durch akribisches Aktenstudium sauber rekonstruierten Fall-Darstellung kombiniert
sie mit soziologischen Erklärungen über die Entwicklung der Inselrepublik
und deren soziale, politische, kriminalistische Drift.
Es sind Fälle, die – so Regine Igel – sich dabei stets „hinter
den Kulissen“, ohne ausführliche Rezeption in den Medien, ereignet
haben. Die Autorin entledigt sie nun jenen Mantels des Schweigens, macht sie
transparent und entlarvt die Inselwelt, in welcher der Leser „auf
die Nöte normaler Venezianer in ihrer vom Tourismus deformierten Lebenswelt,
(...), auf tödliche Profitsucht von Chemiebossen und auf unverhohlen ausgelebte
Habgier gar von hohen Staatsbeamten“ stößt.
Da gibt es den Brand im legendären Opernhaus „La Fenice“, dessen
Hintermänner die italienische Justiz bis heute nicht enttarnen konnte;
der Leser begegnet dem „Boss mit dem Engelsgesicht“, Felice Maniero,
ein Gentleman-Krimineller, verantwortlich für spektakuläre Hotel-Raube
und eben solche Gefängnisausbrüche. Es gibt ebenso Ungeheuerliches
zu berichten über ehemalige Faschisten, die von den USA im Kampf gegen
den Kommunismus angeheuert wurden, wie über die Praxis und Akzeptanz von
Steuerhinterziehung. Und wäre das nicht schon Abgrund genug: Auch erschreckende
Enthüllungen über den Raubbau an der Gesundheit von Menschen dürfen
nicht fehlen, aus ökonomischer Gewinnsucht und laxem Wegsehen gemeinsam
betrieben von Chemieriesen und Regionalverwaltungen – die Folge: Venedig
hat eine um 50 Prozent höhere Dichte an Krebserkrankungen als der Weltdurchschnitt
aufweist.
All jene Geschichten, die in der Tat auch als Plot für einen neuen Brunetti-Roman
denkbar wären, bettet Regine Igel in größere Zusammenhänge
ein: Sie erklärt, weshalb bestimmte Formen von Kriminalität entstanden
sind und welche Auswirkungen sie haben. Vielfach garniert sie ihre Geschichten
auch mit – deutlich vom eigentlichen Fließtext hervorgehobenen –
Zusatzinformationen über Personen, Orte, Umstände. Ein ganzes Schlusskapitel
gar enthält ein aufschlussreiches Dossier darüber, „Was die
italienische Justiz auszeichnet“.
Wahrlich, es ist trübes Wasser, in dem Regine Igel mit investigativem Impetus
unermüdlich fischt. Was sie dabei zutage fördert, ist in der Tat „Das
andere Venedig“, das sich den Touristen hinter Glanz und Gloria, Lido-Chic
und wohldosierter Melancholie verbirgt. Dennoch ist es ein emphatisches Buch
einer Venedig-Liebhaberin, die um das Fortbestehen des wahren Kerns des Mythos
„Venedig“ bangt. Wie Brunetti versucht sie aufzuklären –
es seien ihr mit diesem guten und dabei doch herrlich konsumierbarem Anliegen
ähnliche Erfolge gewünscht.
Autorenportrait:
Regine Igel studierte Sozialwissenschaft und Germanistik. Nach 18 Jahren in
Italien kehrte sie 2001 nach Berlin zurück. Sie arbeitet seit 1985 als
freie Autorin unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“,
„Die Zeit“ und den Rundfunk.
© Copyright by: Public Dialog Hamburg