Das Adoptivzimmer
Anspruchsvoller Roman zwischen Diesseits und Jenseits
(sl).
„Ich wohnte schon eine Ewigkeit hier, seit ich unglaublich winzig
klein war. Aber als Baby war ich andauernd krank. Ich hustete die ganze Zeit,
und natürlich will keiner ein Baby, das sofort wieder kaputt ist, kaum
hat er es gekauft.“ – Achim, dessen Eltern bei einem Flugzeugabsturz
ums Leben kamen, ist elf, als ein Ehepaar ins Kinderheim kommt und sich für
den blassen, asthmakranken Jungen zu interessieren scheint. Nach wochenlangen
Besuchen fragen Paul und Ines den Jungen, ob er mit ihnen kommen möchte,
für immer. Achim willigt ein, und doch hat er Angst, die gewohnte Umgebung
des Kinderheims zu verlassen. Er fährt mit Paul und Ines an ein Haus am
Meer und erfährt am gleichen Abend, dass seine Adoptiveltern einen Sohn
hatten, der tödlich verunglückte. Arnim wäre jetzt so alt wie
Achim.
Autorin Antonia Michaelis ist mit ihrem Roman „Das Adoptivzimmer“
eine Geschichte gelungen, die nicht nur überaus spannend, sondern vor allem
sehr anspruchsvoll ist. Der Verlag empfiehlt das Buch für Kinder ab acht
Jahren – vielleicht etwas zu früh, denn die vielen Wechsel zwischen
zwei Erzählebenen aber auch die tiefgründigen Ängste Achims,
der Angst hat, seine Adoptiveltern zu enttäuschen und dann zurückgegeben
zu werden, können Achtjährige schnell überfordern. Aber 10-jährige
Jungen – denn „Das Adoptivzimmer“ dürfte wegen seiner
beiden männlichen Protagonisten Achim und Arnim vor allem Jungen ansprechen
– werden den kurzweiligen Roman sicherlich verschlingen.
Zurück zum Inhalt: In der ersten Nacht tappt Achim durchs Haus, auf der
Suche nach der Toilette. Dabei entdeckt er eine Tür, die nicht zu den anderen
Türen im Flur passt. Als Paul und Ines am nächsten Morgen beide arbeiten
müssen und Achim allein im Haus bleibt, obwohl er mit den Nachbarkindern
spielen soll, geht er wieder zu der Tür. Als der sie öffnet, befindet
sich dahinter ein Raum, der nicht zum Haus zu gehören scheint. „Es
ist ein Adoptivzimmer. Das Haus hat es adoptiert, doch es kann das Zimmer jederzeit
zurückgeben.“ Und in dem Raum sitzt ein Junge: Es ist Arnim.
In dem Moment wird Achim in eine Geschichte hineingezogen, deren Ausgang nur
er allein bestimmen wird – und der Leser kann „Das Adoptivzimmer“
fortan nicht mehr aus der Hand legen.
Antonia Michaelis führt ihre Leser auf eine ganz besondere Art an das Thema
Tod heran, erzählt von Trauer, Sehnsucht und Hoffnung. Gleichzeitig schreibt
sie aber auch voller Intensität von den Verlustängsten, die Achim
plagen. Gerade diese Vielschichtigkeit macht „Das Adoptivzimmer“
zu einem Buch, mit dem man sich stark auseinandersetzen muss, das Gedankengänge
aktiviert, mit denen Kindern sonst nicht so intensiv konfrontiert werden.
Achim besucht Arnim jeden Tag in dem Raum, der wie ein Verließ wirkt und
auch eines ist, denn Arnim ist in dem Turmzimmer gefangen. Er kann nicht wie
die anderen Menschen, die gestorben sind, als Vogel frei herumfliegen, denn
er wird von dem Namenlosen gefangen gehalten. „Er baut sein Schloss
aus der Sehnsucht derer, die er gefangen hält – ihrer Sehnsucht,
endlich frei zu sein und fortzufliegen. Und aus der Trauer jener, die noch immer
an uns denken und uns nicht loslassen können.“ Aus weißen
Steinen – für die Sehnsucht – und schwarzen Steinen –
für die Trauer – besteht dieser Palast, und Achim wird langsam klar,
dass er derjenige ist, der dafür sorgen muss, dass Arnim ein Vogel werden
kann.
In dem Raum, den nur Achim kennt, und in den nur er hinein- und hinausgehen
kann, hängen mehrere Bilder, die eine bedeutende Rolle spielen. Ebenso
von tiefgründiger Bedeutung sind zwei mutige Vögel, die wegen ihres
grünen und gelben Gefieders „Spinatgepäck“ und
„Gelbe-Erbse“ heißen, und Achim auf seiner Reise
zum Palast des unheimlichen Namenlosen begleiten. Und während Achim und
der Leser immer tiefer zum Palast vordringen, auf der Spur des Geheimnisses,
das Arnim im Turmzimmer gefangen hält, weiß Antonia Michaelis während
der ganzen Ereignisse gekonnt den Spannungsbogen aufrecht zu halten und ihre
Geschichte an den richtigen Stellen mit pointiertem Witz zu würzen.
Nur zwei kleine logische Schwächen bleiben ungeklärt: Warum Achim
im Jenseits verletzt wird, seine Wunden im Diesseits spürt, sie aber nicht
von Paul und Ines gesehen werden, bleibt ebenso unklar, wie auch warum Paul
ganz zum Schluss doch ins Geschehen eingreift, obwohl er den Raum, in dem Arnim
seit Jahren war, nie betreten konnte. Doch das fulminante Ende tröstet
über diese kleinen Belanglosigkeiten hinweg.
Birgit Brandt hat „Das Adoptivzimmer“ mit schlichten Schwarzweißillustrationen
versehen, die die 13 Kapitel und ein Nachwort auflockern.
„Es würde immer Menschen geben, die starben und andere Menschen,
die sie nicht loslassen konnten. Der Namenlose würde bis in alle Ewigkeit
aus Trauer und Sehnsucht seine weißen und schwarzen Palastmauern errichten.
Vielleicht musste es so sein.“ – und vielleicht beschert uns
Antonia Michaelis eine Fortsetzung von „Das Adoptivzimmer“, in der
Achim und Arnim weitere Abenteuer zusammen bestehen müssen. Es wäre
eine Freude!
„Das Adoptivzimmer“ ist allerfeinste Kinderliteratur auf hohem Niveau
und auch für Erwachsene überaus lesenswert!
Autorenportrait:
Antonia Michaelis wurde 1979 in Kiel geboren. Fünf Jahre später begann
sie, ihre Umwelt mit (damals noch unleserlichen) Büchern zu überschwemmen.
Seitdem hat sie nicht mehr aufgehört zu schreiben: während ihrer Schulzeit
in Augsburg oder auf ihren zahlreichen Auslandsreisen. In England ließ
sie sich inspirieren von der englischen Literaturgeschichte. Sie lebt im Nordosten
Deutschlands und studiert Medizin.
Illustratorenportrait:
Birgt Brandt wurde 1974 in Minden geboren. Nach dem Abitur studierte sie Kunstpädagogik
und Kommunikationsdesign in Wuppertal und an der Hochschule für Bildende
Künste in Hamburg. Bereits während ihres Studiums nahm sie an zahlreichen
Ausstellungen teil. Seit 2001 ist sie als freiberufliche Illustratorin und Designerin
tätig. Besonders gerne malt sie Tiere. Was sie gar nicht mag, sind stumpfe
Bleistifte. Und wenn sie gerade mal keinen Stift zur Hand hat, reitet sie oder
spielt Klavier – am liebsten Chopin.
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