Chronik der dunklen Wälder – Wolfsbruder
Erster Band der Abenteuerreihe
(asp).
Es gibt diese besonderen Jugendbücher, denen es auf beeindruckende Weise
gelingt, zugleich spannend und lehrreich zu sein. Autorin Michelle Paver ist
mit „Wolfsbruder“ – dem ersten Teil der sechsteiligen Abenteuerreihe
„Chronik der dunklen Wälder“ – solch ein besonderes Buch
gelungen. Gekonnt verspinnt sie ihr archäologisches Wissen mit der faszinierenden
Handlung, welche Kinder ab zehn Jahren in die Welt unserer Vorfahren vor 6.000
Jahren entführt.
Damals war ganz Nordwesteuropa von Wald bedeckt, und die Menschen kämpften
als Jäger und Sammler ums Überleben. So auch Torak und sein Vater.
Gemeinsam streiften sie durch die Wälder, bevor ihrem friedlichem Leben
eines Tages ein jähes Ende bereitet wird: „Torak hatte Hunger
und fror. Er wusste, dass er dringend etwas essen musste, dass ihm der Arm wehtat
und seine Augen vor Müdigkeit brannten, aber er konnte es nicht richtig
spüren. Die ganze Nacht hatte die zerstörte Hütte aus Fichtenzweigen
bewacht und zugesehen, wie sein Vater verblutete.“ Während Toraks
Vater im Sterben liegt, leistet sein Sohn einen Schwur. Torak schwört den
Berg des Weltgeistes zu finden, denn nur auf diese Weise ist der Dämon,
der seinen Vater getötet hat und in den Wäldern Angst und Schrecken
verbreitet, aufzuhalten.
Etwa zur gleichen Zeit verliert, nicht weit entfernt, ein Wolfsjunges seine
Familie. „Er hatte eben die Anhöhe über dem Bau erkundet,
als das Flinke Nass angebraust kam, und jetzt lagen seine Mutter und Vater und
seine Geschwister im Schlamm.“ Immer wieder versucht der kleine Welpe
seine Familie zum Aufstehen zu bewegen, bettelt sie an, etwas Futterbrei auszuwürgen
– vergeblich.
Durch Zufall – oder ist es Schicksal? – finden die beiden Alleingebliebenen
zueinander und machen sich gemeinsam auf den Weg. Doch die Zeit drängt.
Noch vor dem nächsten Vollmond müssen Torak und sein Gefährte
den Berg des Weltgeistes gefunden haben, sonst wird der Dämon so mächtig,
dass ihn nichts und niemand mehr aufhalten kann. Der Kampf gegen die Seelenesser
beginnt… .
Michelle Paver ist mit „Wolfsbruder“ eine besonders fesselnde Geschichte
gelungen, in der es um weitaus mehr geht, als nur um ein Abenteuer. Sie erzählt
von der Schwierigkeit erwachsen zu werden, von Freundschaft, von der Verantwortung,
die diese bedeutet, und nicht zuletzt vom Loslassen, von Abschied und Tod. Sie
berührt damit existentielle, menschliche Bedürfnisse, Ängste
und Erfahrungen, die sich seit Jahrtausenden nicht verändert haben. Den
potentiellen, jugendlichen Leser behält Michelle Paver dabei immer im Auge,
nährt sich schmerzhaften Themen mit Sanftmut und einfühlsamer Feder,
beschönigt nichts, aber macht auch keine Angst – eine schwierige
Gradwanderung, die ihr hervorragend gelungen ist. Der lebendige Schreibstil
sowie die atmosphärischen Beschreibungen von „Chronik der dunklen
Wälder – Wolfsbruder“, aus dem Englischen von Katharina Orgaß
und Gerald Jung übersetzt, ziehen den Leser bereits ab der ersten Seite
direkt ins Geschehen. Torak, die großen, dunklen Wälder, die verschiedenen
Clans oder der riesige Gletscher tauchen vor dem inneren Auge auf und bleiben
auch nach der Lektüre von im Gedächtnis.
Das Buch ist in 32 Kapitel unterteilt, die bezüglich der Länge gerade
für jüngere Leser überschaubar sind. Zu Beginn jedes Kapitels
findet sich eine von John Fordham gezeichnete Vignette, die eine bestimmte Szene
des Kapitels darstellt. Eine illustrierte Karte der erzählten Welt auf
den beiden ersten und den beiden letzten Seiten ermöglicht es, Toraks Schicksalsweg
genau zu verfolgen.
Die Gesamtheit aus wertvollem Inhalt, ansprechendem Schreibstil und liebevoller
Buchgestaltung macht „Chronik der dunklen Wälder – Wolfsbruder“
zu einem wirklich empfehlenswerten Buch, das Jungen wie Mädchen und Groß
wie Klein gleichermaßen einen riesigen, spannenden Lesespaß garantiert!
Autorenportrait:
Michelle Paver wurde als Tochter einer Belgierin und eines Südafrikaners
in Zentralafrika geboren und kam als Kind nach England, wo sie heute in Wimbledon
lebt. „Als Kind war ich begeistert von Tieren, Mythen und Geschichten,
wie die Menschen früher überlebten. Ich zog mit Pfeil und Bogen los
und wünschte mir nichts sehnlicher als einen eigenen Wolf.“
Nachdem sie zunächst historische Romane für Erwachsene geschrieben
hatte, beschäftigte sie sich erneut mit der Geschichte eines Jungen und
eines Wolfes, die sie 20 Jahre zuvor verfasst hatte – die Geburtstunde
von Torak war gekommen.
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