Auschwitz

Eine Graphic Novel

Auschwitz(flk). Die Geschichte beginnt verwirrend: 1993 während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien sitzen zwei alte Leute in einem modrigen Keller und warten auf ihre Exekution durch das Militär. Sie wissen, dass ihre Zeit beinahe abgelaufen ist und gehen in ihrer Erinnerung noch einmal zurück in eine 50 Jahre zurückliegende Zeit, in der ihr Leben schon einmal am seidenen Faden hing. „Erinnere dich!“ – mit dieser Aufforderung Kaziks an seine Frau Cessia beginnt im Comic „Auschwitz“ die Reise in die Vergangenheit.

Es ist März 1944, als ein neuer Transport Juden in das KZ-Auschwitz schafft. Die vergitterten Türen der Viehwaggons öffnen sich, und Aufseher drängen die verschüchterten Familien hinaus. Ein Häftling in gestreifter Kluft greift sich sofort eines der Kleinkinder, als dessen Mutter aber aufbegehrt, greifen deutsche Soldaten ein und erschießen den Mann, dann das Kind, schließlich auch die Frau. Später erfährt der Leser, dass der Säugling in Sicherheit gebracht werden sollte, da all die Frauen und Kinder des Transports zur sofortigen Vernichtung bestimmt sind. Die Juden werden in Gruppen unterteilt: die Frauen links, die Männer rechts. Dann beginnt der Abmarsch in die Baracken. Unentwegt ist es am Schneien. Ein Kapo, ein jüdischer Hilfsaufseher, klärt die Gefangenen jedoch auf: „Es ist Asche. Sie verheizen eure Frauen und Kinder“.

Es ist die Apokalypse, das Bild unfassbaren Grauens, das der Autor und Illustrator Pascal Croci in seinem verstörenden Comic „Auschwitz“ wiedergibt. Es ist der Überlebenskampf einer kleinen jüdischen Familie in einer Welt, in der es für sie keine Daseinsberechtigung mehr zu geben scheint. Gleichzeitig ist es aber auch ein realistisches Abbild des Lageralltags mit all den Tragödien, die sich dort jeden Tag abspielten. Kleine Kinder werden von ihren Eltern getrennt, eine Gruppe tschechischer Juden glaubt bis zu dem Moment, in dem sie unter den Duschen stehen, an ihre Rückverlegung aus dem Lager, und Häftlinge, die nicht mehr arbeitsfähig sind, werden auf der Stelle erschossen.

Kazik meldet sich schließlich freiwillig zum Sonderkommando, der Gruppe von Gefangenen, die die Toten aus den Gaskammern in die Krematorien schaffen müssen. Er hofft so, noch einen letzten Blick auf seine Frau und seine Tochter werfen zu können, bevor auch sie dem Vernichtungswahn ihrer Bewacher zum Opfer fallen. Wie durch ein Wunder findet er Ann, seine Tochter, auch tatsächlich wieder – sie hat in der Gaskammer überlebt. Er bittet einen deutschen Offizier, sie zu verschonen, der aber schmeißt kurz darauf nur ihre Puppe in das Massengrab, in dem Kazik gerade arbeitet. „Wo sie jetzt ist, braucht sie sie nicht mehr!

Den zweiten Teil der von Marcel Le Comte und Annette Dunker aus dem Französischen übersetzten Geschichte erzählt dann Cessia. Sie lüftet ein Geheimnis, das sie seit der Befreiung des Lagers vor ihrem Mann für sich behalten hatte, und das sie ihm kurz vor ihrem Tod nun doch offenbaren will. Als ein Schlüssel im Schloss knirscht, dringen Soldaten in das Verlies ein – kurz darauf liegt das Ehepaar erschossen vor der Wand einer Kaserne in der Nähe von Tuzla.

Pascal Crocis Graphic Novel „Auschwitz“ erzählt in erschütternden Illustrationen die Tragödie des Holocausts. Neben dem geschichtlichen Detailwissen, das während der fünfjährigen Entstehungsphase des Buches in die Konzeption mit einfloss, sind es vor allem die Bilder, die sich beim Leser in die Köpfe einbrennen. Sie verdeutlichen in kaum zu übertreffender Deutlichkeit, dass es sich bei den Konzentrationslagern tatsächlich um die „Hölle auf Erden“ – wie es viele ehemalige Gefangene nannten – gehandelt haben muss. Berge halb verbrannter, ausgemergelter Körper graben sich in das Bewusstsein ein, eine ganzseitige Illustration zeigt die Gaskammern kurz nach dem Öffnen: Menschen, die bis zuletzt gegen das Gas ankämpften, schließlich mit weit aufgerissenen Mündern und Augen auf dem Boden in sich zusammengesunken sind, mit ins Unendliche entrückten Gesichtsausdrücken.

Noch erschütternder sind eigentlich nur noch die Gesichtsausdrücke der Bewacher, in deren großen kalten Augen jede Spur von Menschlichkeit fehlt. Ähnliches trifft auch auf die tiefenpsychologisch bedeutsame Traumsequenz in der Mitte der Geschichte zu: Kazik wird von einem KZ-Kommandanten mit weitem Mantel und Zigarette in den spitzen langen Fingern zum Ausgang begleitet. „Wir sind nicht so schlimm, wie gesagt wird...“ beschwichtigt er den Sträfling und will ihn in die Freiheit entlassen. Plötzlich aber verschwimmt alles, Ratten rennen übers Gelände, und aus dem Aufseher ist plötzlich „Nosferatu“ persönlich geworden.

Im Anhang findet sich ein Dossier mit der Entstehungsgeschichte des Werkes. Pascal Croci hatte sich mit ehemaligen Häftlingen unterhalten, mit ihnen diskutiert und diese Berichte mit einfließen lassen. In einem simulierten Interview steht der Autor Rede und Antwort zu seiner Motivation für diesen Comic, geht auf seine Eindrücke während der Recherche ein und erläutert die graphischen Ideen, die sich in „Auschwitz“ wiederfinden. Die letzten Seiten enthalten zudem noch ein kurzes Glossar zum Thema Naziterror und KZs sowie eine Skizze, die die verschiedenen Uniformabzeichen der Häftlinge erläutert.

Zahlreiche Überlebende des Konzentrationslagers hatten die Entstehung des Comics von Pascal Croci mitverfolgt und die Möglichkeit erhalten, den Autor in diesem Prozess zu beraten. Deren Tenor war, dass ihm mit „Auschwitz“ eine durchweg überzeugende und realistische Wiedergabe der Geschehnisse gelungen ist. Für Jugendliche, die die Thematik in der Schule behandeln, bietet sich deshalb eine Einbeziehung des Werks in den Unterrichtskontext an, gerade weil die Comicform für sie die Möglichkeit bietet, Wissen in zeitgemäßer und spannender Form zu vermitteln. Eltern sollten jedoch abwägen, ob für Kinder unter zwölf Jahren diese drastische Darstellungsweise bereits geeignet ist.

„Auschwitz“ ist ein Buch, das einen ganz eigenen Zugang zum „Holocaust“ bietet – die realistische grafische Gestaltung ermöglicht zudem eine selten da gewesene Auseinandersetzung mit der Thematik!

Autorenportrait:
Pascal Croci wurde 1961 geboren. Er lebt derzeit in l’Aveyron. Nachdem er über einen Zeitraum von zehn Jahren historische Comics in diversen Magazinen veröffentlicht hatte, wagte er sich an ein persönliches Projekt: eine fiktive Dokumentation über Auschwitz. Die detaillierten Recherchen, Interviews mit den Zeitzeugen und die grafische Umsetzung dauerten fünf Jahre.

Auschwitz

Pascal Croci
Auschwitz
Eine Graphic Novel
Aus dem Französischen von Marcel Le Comte und Annette Dunker
Egmont ehapa Verlag, Köln
ISBN 3-7704-2948-6
1. Auflage 2005, 88 Seiten, durchgehend schwarzweiß illustriert, Hardcover gebunden, Format 19,5 x 26,5 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 16.- (D) / € 16,50 (A) / sFr 28,60

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