Wer nimmt Oma?
Weihnachtssatiren
(fkl).
„Weihnachten ist ein sehr praktisches Fest, das sich von allen gebrauchen
lässt. / Zum Nächstenliebe-Gedanken-pflegen, zum Kritisieren-und-sich-aufzuregen,
/ zum Kinderstaunen-Fotografieren, zum Mitleid-mit-hilflosen-Karpfen-Verspüren,
/ zum Endlich-mal-wieder-zur-Kirche-gehen. (Ich glaub zwar nicht dran, aber
ist doch ganz schön.)“
Und was wird ein Kabarettist so treiben? Richtig: Weihnachtssatiren-Schreiben!
In seinem Buch „Wer nimmt Oma?“ hat der Hamburger „Lästerlyriker“
Hans Scheibner 44 satirische Kurzgeschichten und Gedichte zusammengestellt,
in denen er die Weihnachtszeit als hemmungslose Konsumorgie inszeniert. Längst
vergessen sind alte Werte wie Mitmenschlichkeit und die Besinnung auf christliche
Traditionen, wenn es darum geht, wer die besten, größten und teuersten
Geschenke macht und bekommt. Besonders die lieben Kleinen sind immer wieder
entrüstet, wenn der Weihnachtsmann es wagt, mit Mandarinen und Pfeffernüssen
daherzukommen, obwohl auf dem Wunschzettel doch eindeutig stand, dass er gefälligst
Handy, CD-Player und die neue Barbie samt Ken und Traumhaus mitbringen sollte.
Doch auch die Erwachsenen stehen vor einem Problem: Wer nimmt Oma? Keiner will
sie haben, aber irgendwo muss sie ja bleiben. Dass die Oma allerdings gleich
nach Mallorca abhaut, damit hatte keiner gerechnet. Darf sie das überhaupt?
Schließlich ist Weihnachten doch ein Familienfest! Angesichts dieser verheerenden
Unchristlichkeit auf Erden ist natürlich auch der Nikolaus entsprechend
schockiert. Nicht selten greift er deshalb zur Rum-Flasche, um seines Kummers
Herr zu werden. Zudem ergeben sich bisher unbekannte Schwierigkeiten beim Ausliefern
der Geschenke, denn wer soll diese Berge von Paketen schleppen? Und wie, verflixt
noch mal, soll die neue Waschmaschine in den kleinen Stiefel passen?
In seinem Buch „Wer nimmt Oma?“ nimmt Hans Scheibner die moderne
Scheinheiligkeit gehörig aufs Korn. Er entlarvt die kleinen und großen
Macken der heutigen Gesellschaft, und nicht selten kommen dem Leser die geschilderten
Situationen seltsam bekannt vor. Fans des Hamburger Satirikers werden dessen
unverwechselbaren Stil auch in der schriftlichen Form sofort wieder erkennen.
Neben vielen neuen Geschichten sind zudem einige altbekannte Klassiker in der
Zusammenstellung enthalten.
Leider ist Hans Scheibners Stil nicht unbedingt jedermanns Fall. Der vielfach
sehr bissige Humor ist gewöhnungsbedürftig. Für manchen Geschmack
etwas zu häufig taucht das Motiv des betrunkenen Engelchens oder Weihnachtsmannes
auf, bis es irgendwann nicht mehr witzig ist. Eine ähnliche Wirkung hat
es, wenn die Kinder den Nikolaus im Buch nur noch mit „Ey, Alter“
anreden. Was beim ersten Mal noch als lustige Anspielung durchgeht, nutzt sich
schnell ab. Aber wie auch immer Hans Scheibner sich ausdrückt, in seinen
Texten steckt viel Wahres. Diejenigen, denen der alljährliche Weihnachtstrubel
gehörig auf die Nerven geht, werden sich durch das Buch „Wer nimmt
Oma?“ mit Sicherheit bestätigt fühlen. Und für alle anderen
bietet es zumindest die Möglichkeit, über das eigene Verhalten zu
schmunzeln.
Die Illustrationen von Heidrun Boddin bringen die Inhalte vieler Geschichten
auf den Punkt. Allerdings handelt es sich lediglich um wenige Motive im gesamten
Buch, die neben dem Text völlig untergehen.
„Wer nimmt Oma?“ ist ein Buch, von dem vor allem die Fans des Kabarettisten
begeistert sein werden. Wer mit Hans Scheibner bisher noch nicht vertraut ist,
wird über die eine oder andere Stelle sicherlich etwas pikiert die Stirn
runzeln. Je weiter man allerdings liest, desto mehr scheint hinter all der Bissigkeit
einfach nur der Wunsch nach einer besinnlichen Weihnacht zu stehen. Und letztendlich
bleibt es doch jedem selbst überlassen, wie romantisch, kitschig, christlich
oder konsumorientiert er sein Fest gestaltet, um sich dabei wohl zu fühlen.
Um es mit Hans Scheibners Worten zu sagen: „ob fröhlich oder
nicht oder wie, jedenfalls: passende Weihnachten – für Sie!“
Autorenportrait:
Hans Scheibner, geboren 1936 in Hamburg, ist satirischer Schriftsteller, Kabarettist
und Liedermacher. Die Liste seiner Buchveröffentlichungen und CDs ist lang,
er schrieb und spielte bis heute 12 eigene Bühnenprogramme. Seine Stärke
sind die liebevoll-bissigen Geschichten, Gedichte und Lieder über seine
Mitmenschen und Nachbarn. Hierzu gehören vor allem die Weihnachtssatiren.
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