Tante Mame

Exzentrische New Yorkerin übernimmt Erziehungsauftrag und sorgt für Wirbel

Tante Mame(mkb/sl). Als der Vater des 10-jährigen Patrick stirbt, kommt der Junge in die Obhut von Tante Mame in New York, der einzigen Verwandten des Verstorbenen – allerdings nicht ohne zuvor im Testament ein paar Klauseln eingefügt zu haben, die in nur wenigen Sätzen ein klares Bild seiner Schwester zeichnen: „Er soll als Protestant erzogen werden und konservative Schulen besuchen. Mame wird verstehen, was ich damit meine... Monatlich hat sie Rechnungen für Kost und Logis, Kleidung, Ausbildung, Arztbesuche etc. meines Sohnes vorzulegen. Jedoch bleibt der Trust Company das Recht vorbehalten, jeden Posten, der ungewöhnlich oder exzentrisch erscheint, in Frage zu stellen, bevor sie meiner Schwester die Kosten erstattet.“ Die Begriffe „ungewöhnlich und exzentrisch“ umschreiben die Tante trefflichst: Eine Frau, die sich keinerlei Konventionen unterwirft und deren Bekanntenkreis als „exotisch“ bezeichnet werden dürfte. Ihre Vorstellungen von Kindererziehung sind mindestens so unorthodox wie ihr Lebenswandel und decken sich nicht annähernd mit den Vorstellungen des Verstorbenen – ein Dauerkonflikt mit dem Verwalter der „Trust Company“ ist vorprogrammiert.


Gleich in den ersten Tagen ihrer neuen Mutterschaft füllt die Tante die Lücken einer – ihrer Meinung nach – jämmerlichen Allgemeinbildung – „Ein reicher Wortschatz ist das untrügliche Kennzeichen eines jeden Intellektuellen.“ – und bereichert Patricks Vokabular mit Begriffen wie „Ödipuskomplex“, „lesbisch“, „freie Liebe“, „Strandhaubitze“, „nymphomanisch“ und „Drecksau“. Die dann von ihr bevorzugte Variante der konservativen Schule hat dem Vater garantiert zu ein paar Umdrehungen im Grabe verholfen. „Ralph, im Adamskostüm, trat zu uns und schüttelte uns herzlich die Hand. „Ist das nicht göttlich“, schwärmte Tante Mame. „Ach, mein Lieber, du wirst dich hier pudelwohl fühlen.“ Eine kleine stämmige, flachsblonde Frau, ebenfalls nackt, kam angelaufen.“ Komm herein und leg ab“, sagte Natalie, „und dann schließ dich den anderen Kindern an.““ Sechs Wochen dauert der Spaß, dann wird die Schule durch die Öffentliche Hand geschlossen und der Treuhänder nötigt Patrick in eine Institution von gesellschaftlich hohem Ansehen, die nun endlich für die begehrte konservative Ausbildung des Kindes sorgen soll. Tante Mame jedoch lässt sich nicht einfach ausblenden und mischt mit ihrer stoischen, liebenswerten Art weiterhin das Leben von Patrick auf. Für einen Zustand der langweiligen Harmonie oder gar eines blassgrauen Alltags lässt sie keinen Raum.


Autor Patrick Dennis hatte sich bereits mit der Erstauflage von „Tante Mame“ in die Herzen seiner Leser und direkt in die Bestsellerlisten geschrieben. Eine Broadway-Inszenierung, ein Musical und ein Film mit Hollywood-Legende Rosalind Russell in der Titelrolle folgten und verhalfen dem Werk zu weltweitem Ruhm und Anerkennung. 1957 erschien es erstmals unter dem Titel „Die tolle Tante“ auf Deutsch. Der Goldmann Verlag knüpft nun an den Erfolg eines vergangenen Jahrhunderts an und veröffentlicht „Tante Mame“ in neuem Outfit. Thomas Stegers hat zu diesem Anlass wunderbar den Geist des Romans eingefangen und jeden Pointe, jede Redewendung nahtlos in die deutsche Sprache eingefügt und mit seiner Neuübersetzung aus dem Amerikanischen einen beachtlichen Beitrag für ein literarisches Meisterwerk geleistet, das fast 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung den Büchermarkt erneut erobert.


Ganze elf Kapitel vermag die verrückte Tante zu füllen und keines ist wie das andere. Jedes Kapitel wirkt für sich, treibt dem Leser die Lachtränen über die Wangen. Egal was das Schicksal mit Tante Mame treibt, sie meistert es mit liebenswerter Eigenart. Mit dem Kapitel „Tante Mame und die geplatzte Verlobung“ steuert das Buch auf den Höhepunkt zu. Patrick Dennis hat mit den zukünftigen Schwiegereltern, den Upsons, das Sinnbild von alledem geschaffen, das er verachtet: Eine Horde arroganter, neureicher Snobs, die innere Werte eines Menschen an deren Bankkonto messen. Auf ihre unnachahmliche Art bringt die Tante deren Kartenhaus ins Wanken, bis es schließlich über antisemitischen Ausrufen der Upsons zusammenbricht und Patrick und Mame gemeinsam mit dieser Familie brechen.


In der abschließenden Autorenbetrachtung des Schauspielers und Dramaturgen Paul Rudnik und dem Nachwort von Autorensohn Michael Tanner wird deutlich, dass Patrick Dennis den Ich-Erzähler mit autobiographischen Zügen ausgestattet und die Nebenfiguren aus einem Feld an Bekannten gezogen hat. Eine herrliche Mixtur an Wirklichkeit und Fantasie verleihen „Tante Mame“ den Charme, der bis heute nachwirkt.


Ich habe dieses Buch zweimal nacheinander gelesen, und die Wirkung auf mich ist die Gleiche geblieben: „Tante Mame“ ist definitiv eines der lustigsten Bücher, das ich seit langem gelesen habe!

Autorenportrait:
Edward Everett Tanner III. (1921-1976), alias Patrick Dennis, war von 1950 bis 1960 einer der meistgelesenen Autoren Amerikas. Fast alle seiner 16 Romane waren Bestseller, darunter auch der Kulterfolg „Tante Mame“, Vorbild für ein Theaterstück, ein Musical und einen Kinofilm mit Hollywood-Legende Rosalind Russell in der Titelrolle, und die Fortsetzung „Um die Welt mit Tante Mame“. Er war eine schillernde Figur und eine Berühmtheit in der New Yorker Bohème; er führte ein Doppelleben als verheirateter Mann und hingebungsvoller Vater einerseits, und heimlicher Bisexueller andererseits. Als ihm im Jahr 1970 der finanzielle Ruin drohte, nahm er eine Stelle als Butler an, ein Beruf, den er bis zum Ende seines Lebens ausübte.

Tante Mame

Patrick Dennis
Tante Mame
Aus dem Amerikanischen von Thomas Stegers
Wilhelm Goldmann Verlag, München
ISBN 3-442-45463-8
Deutsche Neuveröffentlichung, 1. Auflage, 383 Seiten, mit 1 s/w-Foto, Broschur mit Schutzumschlag, Format 11,5 x 18,3 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 9,90 (D) / € k. A. (A) / sFr 17,40

Buch bestellen.

© Copyright by: Public Dialog Hamburg

www.literaturtipp.com

Impressum