Lieber Johnny

Jurek Beckers Postkarten an seinen Sohn Jonathan

Lieber Johnny(pr/sl). Das sehr persönliche Buch „Lieber Johnny“, herausgegeben von Trude Trunk, enthält „Jurek Beckers Postkarten an seinen Sohn Jonathan“ von August 1992 bis Januar 1997. Die Herausgeberin erzählt zu Beginn von der engen Beziehung zwischen Vater und Sohn. Jonathans Erinnerungen an Ereignisse mit seinem im März 1997 verstorbenen Vater und auch die der Mutter, Christine Becker, werden zitiert. Trude Trunk weiß, wieso der Vater seinem Sohn zahlreiche Postkarten schickte: Jurek Becker war viel unterwegs und wollte so seinem Sohn nahe sein. Auch der große Altersunterschied, Jurek Becker war 52 Jahre älter als sein dritter und jüngster Sohn Jonathan, wird ein wesentlicher Grund für diese besonders intensive Beziehung gewesen sein.


Auf den Postkarten sind die unterschiedlichsten Motive abgebildet, von Johnnys Lieblingsfigur „Barbar“ über Fahrzeuge und Tiere bis hin zu Zeichentrickfiguren und anderes mehr, nur keine „klassischen Ansichtskarten“ mit Landschaftsmotiven. „Johnnys Vater führt den kleinen Jungen an seiner Literatenhand in neue Gefilde und bezieht sich dabei dennoch immer auf dessen Welt.“ Jurek Becker erfand oft Geschichten für die Postkarten an seinen Sohn, voller Phantasie und Komik, oft in Dialogform, und meist mit der Behauptung, sie selbst „brandaktuell“ erlebt zu haben. Viele Geschichten haben einen stark persönlichen Bezug zu Erlebnissen seines Sohnes. Durch die ländliche Gegend in Sieseby an der Schlei, dem Rückzugsort der Berliner Familie, und zahlreiche Traktorfahrten fühlte Johnny sich in seiner frühen Kindheit als Bauer. Deshalb dachte sich sein Vater Gutenacht-Geschichten von Bauer Sumsebum und der Maus Suse aus.


Trude Trunk geht auch auf die Zeit vor Jurek Beckers Tod 1997 ein und die Entwicklung seiner Leidenschaft für das Postkartenschreiben. Schließlich erzählt die Herausgeberin von der Geburt und dem Aufwachsen Jonathans. Im Kontrast dazu wird die völlig andere Kindheit Jurek Beckers, geprägt durch das Ghetto von Lodz und die Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen, anhand zahlreicher Zitate des Schriftstellers vorgestellt.


Im Mittelpunkt stehen jedoch die 127 Postkarten von Jurek Becker an seinen Sohn Jonathan von August 1992 bis Januar 1997, die dem Text der Herausgeberin folgen. Sie sind chronologisch geordnet, und es sind immer Vorder- und die handgeschriebene Rückseite abgebildet. Der Inhalt der Karten ist jeweils daneben noch einmal zusätzlich abgedruckt. Am 5. April 1994 schreibt Jurek Becker zum Beispiel auf einer Postkarte mit Froschmotiv aus dem Zweithaus der Familie in Sieseby: „Du alter Froschkönig, in unserem Garten haben sich gestern abend eine Katze und ein Hase gestritten. Die Katze hat gesagt: Hau ab hier, das ist mein Garten! Da hat der Hase gerufen: Das könnte dir so passen, doofe Katze, der Garten hat schon immer uns Hasen gehört! Da hab ich das Fenster aufgemacht und gerufen: So ein Blödsinn, der Garten gehört Johnny, Christine und mir! Und ihr dürft hier nur spielen, wenn ihr euch nicht zankt! Hab ich nicht recht? Dein Papa


Eben diese Texte sind es, die das Buch „Lieber Johnny“ so einzigartig machen. Sie sind sehr originell, oft lustig, machen aber auch teils nachdenklich und haben alle eines gemeinsam: Sie offenbaren, wie tief die Liebe zwischen Vater und Sohn sein kann und wie besonders die Liebe von Jurek Becker zu Jonathan war. Eine Liebe, die laut Johnny „für sein ganzes Leben reicht“.


Am Ende des Buches „Lieber Johnny“ stehen die ausführliche Biografie Jurek Beckers und ein Verzeichnis der abgebildeten Karten. Neben den zahlreichen Postkarten gibt es Farbfotografien von Jurek Becker und seinem Sohn sowie wenige Schwarzweißbilder von dem Schriftsteller selbst als Kind. Außerdem sind einige selbst gemalte Bilder von Johnny abgedruckt.


Ein literarisches Juwel: Das wunderbare Buch gewährt einen tiefen Einblick in das eher verborgen gehaltene Privatleben des bekannten Schriftstellers. „Lieber Johnny“ ist eine zutiefst bewegende Hommage an den 1997 verstorbenen Schriftsteller Jurek Becker. Unbedingt lesenswert!

Autorenportrait:
Jurek Becker 1937 geboren, von 1939-1945 zuerst im Ghetto von Lodz, dann in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen, wuchs in Berlin auf, studierte bis zu seiner Exmatrikulation Philosophie und war danach „Defa“-Drehbuchautor. Bereits in seinem ersten Roman „Jakob der Lügner“ erlangte er 1968 Weltruhm. Er ist außerdem Autor der beliebten Fernsehserie „Liebling Kreuzberg“. Jurek Becker starb 1997.

Herausgeberportrait:
Trude Trunk arbeitete seit ihrem Magisterstudium der Theaterwissenschaft in Erlangen und Berlin als freie Autorin und Regisseurin für verschiedene Fernseh- und Radiosender, unter anderem für das „ZDF“ und „Arte“. Darüber hinaus hat sie an Ausstellungen des Berliner „Stadtmuseums“ konzeptionell und gestalterisch mitgearbeitet. Sie lebt heute in der Nähe von Bonn. Als freie Journalistin schreibt sie Literaturkritiken.

Lieber Johnny

Trude Trunk (Hrsg.)
Lieber Johnny
Jurek Beckers Postkarten an seinen Sohn Jonathan
Ullstein Verlag, Berlin
ISBN 3-550-07600-2
1. Auflage, 176 Seiten, mit zahlreichen meist farbigen Abbildungen, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 18,5 x 24 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 20.- (D) / € 20,60 (A) / sFr 35.-

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Lieber Johnny Trude Trunk (Hrsg.)
Lieber Johnny
Jurek Beckers Postkarten an seinen Sohn Jonathan
Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin
ISBN 3-548-36809-3
1. Auflage 2006, 176 Seiten, mit zahlreichen meist farbigen Abbildungen, Taschenbuch.
Unverbindliche Preisangabe: € 9,95 (D) / € 10,30 (A) / sFr 18.-

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