Krumm gelaufen!
Genies, Dilettanten, Versager – die schönsten mißlungenen Verbrechen
(jaf).
Eigentlich war er ein richtiger Gentleman. Black Bart benutzte nie Waffen und
hinterließ stets ein Gedicht, wenn er in seiner kalifornischen Heimat
in den 1870er und 1880er Jahren Postkutschen überfiel. Mal mehr, mal eher
weniger poetisch – „Ich habe lange und schwer für Brot
gearbeitet / für Ehre und für Reichtümer. / Aber ihr seid mir
zu lange auf die Hühneraugen getreten / ihr geschniegelten Scheißkerle“
– waren seine literarischen Ergüsse, doch immerhin machte sich der
marodierende Ehrenmann einen Namen in der Verbrechensgeschichte. Und das nicht
zuletzt deshalb, weil sein Kapitel jäh damit endete, dass er am Tatort
seines letzten Überfalles vom 3. November 1883 ein Taschentuch hinterließ,
das noch die Markierung einer Wäscherei aus Los Angeles trug. Ein Leichtes
schließlich für die Polizei, den berüchtigten Täter dingfest
zu machen.
Solche Geschichten – legendäre Anti-Vorbilder der US-amerikanischen Verbrechensgeschichte aus der zweiten Hälfte des 19. und der ersten des 20. Jahrhunderts – hat Michael Schulte in seinem Erstlingswerk „Krumm gelaufen! Genies, Dilettanten, Versager – die schönsten mißlungenen Verbrechen“ zusammengetragen. Namhafte Gauner-Größen wie Billy the Kid, Bonnie und Clyde oder die Dalton-Brüder kommen dabei genauso vor wie jene, deren Kult-Potential sich erst herumsprechen muss. In dieser Hinsicht leistet Michael Schulte ganze Arbeit: Mit Verve und einer guten Portion Spannung rollt der Autor außergewöhnliche Fälle auf, berichtet von jenem grünen Papagei, der in New York einst den Mörder Robert Butler überführte, erzählt von jener seltsamen Giftmischerin, die stets ein unheimliches Lachen auf den Lippen hatte, einen Schleier trug und bis zuletzt ihre wahre Identität zu verhüllen wusste, oder weiht in die Geheimnisse der zu Volkshelden gewordenen „Hedgepeth Four“, dessen Anführer – nachdem ein spielendes Kind ein geheimes Waffendepot ausgehoben hatte und die Spur zur Bande wies – sich im Gefängnis kaum vor den Blumengrüßen seiner weiblichen Fans retten konnte.
„Krumm gelaufen!“, mit zahlreichen Fotos und weiterführendem Literaturverzeichnis im Anhang, ist also eine brillante Mischung aus einer guten Portion Unterhaltung und mundgerecht dargebotener Information über tatsächliche Fakten der Verbrechensgeschichte, denn wo sonst könnte man derartig überzeugend Zusammenhänge verstehen: „Eisenbahnräuber waren in den USA damals populär – im Gegensatz zu Bankräubern. Woran lag das?“, fragt Michael Schulte und hat sogleich die plausible Antwort aus der Sozialgeschichte parat: „Es gab keine Versicherungen für Banken; wer seine Ersparnisse in einem Geldinstitut hinterlegt hatte, das von Banditen leergeräumt wurde, hatte das Nachsehen. Banken und Bankkunden waren gleichermaßen Opfer, so etwas schweißt zusammen. Ganz anders war das Image der Desperados, deren Vorliebe dem neuzeitlichen Transportwesen galt. Für die Opfer hielt man nicht die Reisenden, sondern die Eisenbahnbarone. Und die waren äußerst unbeliebt: Sie waren die eigentlichen Verbrecher, Männer, die sich auf Kosten der Allgemeinheit hemmungslos bereicherten, staatlich protegierte Betrüger“.
„Krumm gelaufen!“ – ein unterhaltsames Buch über nicht ganz schussechte Helden und solche, die es werden sollten. Das Urteil kann deshalb nur lauten: lesenswert!
Autorenportrait:
Michael Schulte wurde 1941 in München geboren. Er studierte Germanistik und Geschichte und lebte jahrelang in den USA. Heute arbeitet er als Buch- und Hörspielautor, Herausgeber und Übersetzer in Berlin.
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