Die Teerose

It’s Tea Time, New York!

Die Teerose(tik). „Komische Dinger, die Rosen. Da denkt man, sie seien zart und zerbrechlich. Aber manche sind ganz zähe Luder. Sie wachsen trotz schlechtem Boden und schlechtem Wetter und lassen sich von nichts aufhalten. Über die Widerstandsfähigkeit einiger sogenannter Teerosen, die in einem verwilderten Hinterhof inmitten New Yorks gegen alle Erwartungen in ungeahnter Schönheit erblühen, kann selbst der erfahrene Gärtner Alec nur den Kopf schütteln: „Manche Rosen sind richtige Kämpfernaturen. Solche Rosen sollte man unterstützen. Alec, eine Figur aus Jennifer Donnellys Roman „Die Teerose“, sagt dies beiläufig über ein paar Pflanzen, die seine junge Bekannte Fiona Finnigan zufällig entdeckt hat. Was Fiona aber geleistet hat, um überhaupt in New York sein zu können, steht an Zähigkeit den Teerosen um nichts nach.

Dabei hätte man ein Jahr zuvor auch von ihr noch denken können, sie sei zart und zerbrechlich. Denn Jennifer Donnelys Geschichte von der kleinen Kämpfernatur Fiona beginnt nicht in New York, sie setzt in dem Londoner Dockviertel Whitechapel des Jahres 1888 ein. Hier lebt Fiona als Tochter eines Dockarbeiters mit ihren drei Geschwistern und der Mutter in einer engen Wohnung, die sich die Familie, der hohen Miete wegen, noch mit dem Polizisten Roddy O’Meara teilt. Gerade mal 17 Jahre alt, muss das Mädchen bereits in der Teefabrik arbeiten und mit dem kümmerlichen Lohn zum Lebensunterhalt der Finnigans beitragen. Jedoch liefert sie nie ihren ganzen Verdienst zuhause ab. Jeden Monat behält Fiona ein paar Penny zurück und steckt sie in ein großes Einmachglas. Zusammen mit ihrem Freund Joe Bristow spart sie auf einen eigenen Laden, der es den beiden irgendwann einmal erlauben soll, eine eigene Familie zu gründen.

An ihren Träumen und der Liebe zu Joe festhaltend, schafft sich Fiona in Whitechapel ihr eigenes, sehr bescheidenes aber voller Hoffnung steckendes Idyll. Doch war London im ausgehenden 19. Jahrhundert keine ruhige Stadt: Überall brachen soziale Konflikte auf, die Arbeiterviertel nahmen slumartigen Charakter an, und die für Hungerlöhne schuftenden Menschen begannen, sich in Gewerkschaften zu organisieren, um für ihre Rechte einzustehen. Über all dem schwebte noch der dunkle Schatten des Prostituiertenmörders von Whitechapel, der als „Jack the Ripper“ in die Geschichte eingehen sollte. Solch unheilvolle Zeiten bieten keinen Platz für eine Idylle. Schon bald beginnt Fionas Leben allmählich auseinander zu brechen. Zuerst muss Joe, um eine bessere Anstellung zu bekommen, das Viertel verlassen und sieht sich nach einem ungeplanten Seitensprung gezwungen, ein anderes Mädchen zu heiraten, dann stirbt ihr Vater bei einem vermeintlichen Arbeitsunfall.

Autorin Jennifer Donnelly versteht es wunderbar, das tragische Schicksal zu erzählen, ohne dabei unglaubwürdig oder kitschig zu wirken. Selbst noch als sich die Ereignisse überschlagen, die Mutter und der große Bruder umkommen und Fiona erfährt, dass ihr Vater wegen seiner Gewerkschaftsarbeit von dem Fabrikbesitzer ermordet wurde, stört kein emotionalisierender oder zu konstruiert wirkender Schreibstil das atemlos spannende Lesevergnügen, aus dem Amerikanischen von Angelika Felenda übersetzt.

An dieser Stelle nun, verfolgt von den Mördern ihres Vaters und allein gelassen mit ihrem kleinen Bruder Seamie, beginnt das zarte, zerbrechliche Pflänzchen Fiona Finnigan über sich selbst hinaus zu wachsen. Die Zwei flüchten nach New York, wo Fiona sich durchkämpft bis ganz nach oben, für sich, ihren Bruder Seamie und für den unverhohlen Wunsch nach Rache an William Burton, dem ehemaligen Arbeitgeber ihres Vaters. Mit der Hilfe neuer Freunde, Kampfeswillen und – nicht zuletzt – einer unvergleichlich guten Nase für Tee, entwickelt sich Fiona zu einer der führenden Teehändlerinnen, man könnte sagen, einer wahrhaft ansehnlichen Teerose – und beginnt ihren Racheplan in die Tat umzusetzen. Dabei lässt sie sich nie von Hass treiben; Gerechtigkeit ist es, was Fiona will, und vielleicht einmal noch ihren Geliebten Joe wiedersehen.

„Die Teerose“ ist ein überaus gelungener Roman von schier unglaublicher Fülle und hoher atmosphärischer Dichte. Die verschiedenen Handlungsebenen überlagern sich, gehen ineinander über, ohne dabei zu einem undurchschaubaren Erzähldickicht zu werden. Er kann als Parabel auf den Aufstieg der USA zur Weltmacht gelesen werden, als spannender Krimi oder romantische Liebesgeschichte. Bei aller dunklen Abgründigkeit und dem oft rasanten Handlungsverlauf bleibt jedoch stets ein ruhiger, fast entspannender Ton gewahrt, als schwebe bei all dem immer dem Duft einer aromatischen Tasse Tee mit.

Autorenportrait:
Jennifer Donnelly wuchs im Staat New York auf. Nach Anfängen als Kinderbuchautorin gelang ihr mit ihrem ersten Roman „Die Teerose“ in den USA ein großer Erfolg. Sie lebt mit ihrem Mann in Brooklyn und ist begeisterte Rosenzüchterin.

Die Teerose

Jennifer Donnelly
Die Teerose

Aus dem Amerikanischen von Angelika Felenda
Piper Verlag, München
ISBN 3-492-24258-8
1. Auflage 2004, 688 Seiten, Taschenbuch.
Unverbindliche Preisangabe: € 9,90 (D) / € k. A. (A) / sFr 18,10

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