Die Entdeckung der Langsamkeit
John Franklins Reise durch die hektische Welt – Gelesen von Stan Nadolny
(fkl).
Rund elf Stunden Hörbuch sind eine lange Zeit. Für John Franklin wären
sie kaum mehr als ein Wimpernschlag. „Die Entdeckung der Langsamkeit“
erfordert Geduld. Die Kunst des Zuhörens ist genauso gefragt, wie die Ruhe
und die Geduld einfach zu genießen und sich von einer anderen Welt verzaubern
zu lassen.
England, Ende des 18. Jahrhunderts: John Franklin ist von Natur aus langsam,
im Denken und im Reagieren. Schon in der Schule wird er zum Gespött der
Klasse, weil er zum Verstehen und zum Antworten länger braucht als andere.
Komplexe Ereignisse überfordern ihn, weil sein Gehirn sich zu sehr auf
Einzelheiten konzentriert und er parallel ablaufende Dinge nicht wahrnimmt.
„Oft stand John ratlos herum, immer dort, wo er störte.“
Einzelheiten aber vergisst er nie, das Detail begreift er besser als jeder andere,
und in hektischen Situationen behält er als einziger die Ruhe. Seit er
klein ist, träumt John davon, zur See zu fahren. „Irgendwann
wollte er einmal ein Schiff retten, indem er schnell und richtig handelte.“
Unter großer Anstrengung und mit unermüdlichem Willen kämpft
John für seinen Traum und findet einen Platz bei der Marine. Das Kriegsgeschehen
begreift er nicht vollständig, und es wird für ihn umso erschreckender,
als die einmal eingeprägten Bilder ihn nicht mehr loslassen. Erst als John
mit einem Forschungsschiff auf Reisen geht, erkennt er, dass nicht der Krieg,
sondern das Entdecken sein zukünftiges Leben bestimmen soll.
Es gelingt ihm, das Kommando für eine Expedition übertragen zu bekommen,
die die legendäre Nordwestpassage finden soll. In zahlreichen Situationen
der abenteuerlichen, Kräfte zehrenden Reise durch den Nordwesten Amerikas
ist es gerade die Ruhe und Überlegtheit John Franklins, die größere
Katastrophen verhindert. Der einst auf Grund seiner Langsamkeit verspottete
John erlangt große Berühmtheit und wird sogar in politischen Fragen
zu Rate gezogen. Bevor er zu seiner letzten großen Fahrt aufbricht, hat
John Franklin mehr als einmal bewiesen, dass die Geduld nicht selten das wirksamste
Prinzip ist.
Dieser von Sten Nadolny so mitreißend erzählten Geschichte liegt
die Biographie des englischen Seefahrers und Nordpolarforschers John Franklin
zu Grunde, der zwischen 1786 und1847 gelebt hat. „Die Entdeckung der Langsamkeit“
ist keine Abbildung der Lebensgeschichte, sondern eine Mischung aus wissenschaftlich
gesicherten Erkenntnissen und Interpretationen des Autors. Sten Nadolny hat
die ihm vorliegenden Fakten geschickt umgearbeitet zu einer philosophischen
Betrachtung der Zeit, gehaltvoll und durchsetzt mit faszinierenden Details.
Einfühlsam und eindringlich schildert der Autor das Leben von John Franklin,
der anders ist als die meisten und vielen Situationen genau auf Grund dieses
vermeintlichen Makels besser gewachsen ist. Nachdenklich, fast poetisch regt
Sten Nadolny den Hörer dazu an, eigene Denkweisen und Prinzipien bewusst
in Frage zu stellen. „Zeit ist Geld“, hört man heute so oft.
Und genau deshalb wirkt das System der Langsamkeit zunächst befremdlich.
John Franklin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und erledigt alles
in der für ihn angemessenen Geschwindigkeit. Fälschlicherweise halten
viele ihn deshalb für dumm. Dass genau das Gegenteil der Fall ist, macht
der Autor deutlich, indem er „Die Entdeckung der Langsamkeit“ als
logisches, mathematisch genaues Konzept präsentiert, das John Franklin
nur erdenken kann, weil er sich seiner Schwächen stets bewusst ist und
es versteht, sie nicht nur zu seinem, sondern zum Vorteil aller zu nutzen.
Sten Nadolny gelingt ein faszinierendes Plädoyer für Menschlichkeit,
Respekt und Toleranz, das den Zuhörer fesselt. Die subtile, aber eindringliche
Kritik an der damaligen wie der heutigen Gesellschaft wird dem Hörer in
unaufdringlicher, leiser Art präsentiert. Mit seinen einfachen und doch
so eleganten Formulierungen entwickelt der Text eine Schwere und Harmonie, wie
man sie selten findet.
„Die Entdeckung der Langsamkeit“ ist in diesem Hörbuch vollkommen
umgesetzt. Besonders die angenehme, tiefe Stimme des Autors, der sein Werk selbst
liest, hat eine beruhigende Wirkung und lässt den Hörer in den Worten
versinken. Die Form der Wiedergabe, Titel und Inhalt bilden eine sinnvolle Einheit
– entspannend, fast meditativ, nachdenklich und philosophisch!
Autorenportrait:
Sten Nadolny wurde 1942 in Zehdenick an der Havel geboren. Er arbeitete als
Geschichtslehrer, promovierte über die Abrüstungsverhandlungen zwischen
den Weltkriegen und war bei Film und Fernsehen tätig. 1981 erschien sein
erster Roman. Bereits 1980, drei Jahre vor Erscheinen seines zweiten Roman „Die
Entdeckung der Langsamkeit“, erhielt er für dessen fünftes Kapitel
in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Roman wurde mittlerweile in 17
Sprachen übersetzt und hat allein in Deutschland 1,5 Millionen Käufer
gefunden. Sten Nadolny wurde für sein literarisches Werk mit zahlreichen
Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jakob-Wassermann-Preis.
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Stan Nadolny
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