Die dunkle Stunde der Serenissima
Commissario Brunettis elfter Fall
(mb). In „Die dunkle Stunde der Serenissima“ bewegt sich Krimiautorin Donna Leon auf dem Untergrund zwielichtiger Geschäfte, die bis zurück in den Zweiten Weltkrieg reichen. Commissario Brunetti löst auch diesmal vor einem herrlich detailreich beschriebenen Szenario und über dem literarischen Genuss opulenter Menüs einen Fall, der auf den ersten Blick unlösbar scheint.
Die zwanzigjährige Studentin, Claudia Leonardo, wendet sich mit einem rechtlichen Anliegen an Commissario Brunetti. Sie möchte ihren Großvater nachträglich rehabilitieren, hält jedoch die Details um das Delikt im Verborgenen. Mit dem Namen des Großvaters und dem Wissen, dass dieser vor vielen Jahren in der Irrenanstalt verstorben ist, beginnt Brunetti Nachforschungen und findet sich plötzlich mitten in einem Mordfall wieder; Claudia Leonardo wird erstochen in ihrer Wohnung aufgefunden. Während seiner Ermittlungen stößt Brunetti immer wieder auf Kunstwerke von unschätzbarem Wert – die Rolle von Claudias Großvater wird immer undurchsichtiger. Die schmierigen Geschäfte des Verstorbenen mit der Todesangst und der Not von Flüchtlingen lässt den Commissario die wahren Vorgänge um den Besitz unzahlbarer Bilder nur erahnen. Mühsam hangelt sich Brunetti über eine Mauer des Schweigens an dem dünnen Faden der Vergangenheit entlang, und es ist schließlich Signorina Elettra, die – immer haarscharf an der Grenze des Legalen – die entscheidenden Informationen liefert. Im Licht der aufgetauchten Dokumente nimmt der Fall eine plötzliche Wendung… .
„Die dunkle Stunde der Serenissima“ ist ein Kriminalroman, aus dem Amerikanischen von Christa E. Seibicke übersetzt, voller Intrigen, Korruption und fragwürdiger Gestalten, und wie jeder große Krimi irrt der Leser auch hier durch ein Labyrinth an Verdächtigen, um schließlich überrascht vor dem wahren Täter zu stehen. Die Frage an Donna Leon blieb nicht aus, welche Begebenheit sie zum Niederschreiben von „Commissario Brunettis elfter Fall“ verführt habe. Diesmal, erklärte sie schmunzelnd, schöpfte sie nicht aus der Flut an Meldungen in Zeitungen, sondern das Fundament des Romans entstand Stück für Stück in Gesprächen mit Bobo, einem italienischen Freund, über die Beteiligung der Italiener am damaligen Kriegsgeschehen. Aber, stellte sie fest, die Erinnerung der Italiener scheint mit einem Schwamm an jenen Stellen gereinigt worden zu sein, an denen der Schmutz ihrer aktiven Rolle im Zweiten Weltkrieg hing. Ihr eigenes Wissen und darauf folgende Nachforschungen wollten sich nicht mit den Erinnerungen der Zeitzeugen decken und endeten in „Die dunkle Stunde der Serenissima“.
Die Romane Donna Leons wurden nie ins Italienische übersetzt, und sie selbst begründet diese Entscheidung unter anderem am Beispiel Marios, ihrem Postino. Die Tatsache, dass Mario sie 62 Stufen hinunter jagt, um eingeschriebene Briefe und Pakete entgegenzunehmen, bestärkt sie in der Entscheidung. Für Mario ist sie eine Empfängerin wie jede andere, die Amerikanerin in Venedig. Nicht mehr und nicht weniger. Donna Leon genießt ihre Anonymität, die Hand in Hand mit der Normalität des Alltags geht. Die Nachbarn wissen um ihre Schriftstellerei, ihr Bekanntheitsgrad in Deutschland jedoch wird nicht offensichtlich. Verschont vom öffentlichem Interesse lebt sie das Leben der „Frau von nebenan“ und diesen Status möchte sie sich bewahren – böse Zungen jedoch behaupten, die wahren Gründe lägen in ihrer kritischen Haltung den Italienern gegenüber, die in ihren Krimis deutlich werden. Es bleibt dem Leser überlassen, was er glauben möchte. Tatsache ist, dass ihr Commissario Brunetti seine Fälle – wie auch den vorangegangenen zehnten Fall „Das Gesetz der Lagune“ – unkonventionell und mit viel Gefühl löst, während literarische Landschaften und Gaumenfreuden die Sinne des Lesers bestechen.
La Serenissima – mit diesem Ehrentitel preisen die Venezianer seit jeher Glanz und Schönheit ihrer Stadt. Doch sie hat auch ihre dunklen Seiten, wie Donna Leon offenbart. In „Die dunkle Stunde der Serenissima“ verbindet sich Spannung, Kultur und ein gehöriger Anteil Humor zu einem gelungenen Krimi, der weit mehr als nur die Leselust weckt!
Autorenportrait:
Donna Leon wurde am 28.9.1942 in New Jersey geboren. Mit 23 Jahren verließ sie New Jersey, um in Perugia und Siena weiterzustudieren. Sie blieb im Ausland, arbeitete als Reiseleiterin in Rom, als Werbetexterin in London und als Lehrerin an amerikanischen Schulen in der Schweiz, im Iran, in China und Saudi-Arabien. Gegenwärtig lehrt sie englische und amerikanische Literatur an einer Universität in der Nähe von Venedig, wo sie seit 1981 lebt. Zu ihrem Erstling kam Donna Leon über ihre Leidenschaft für die Oper. Während des Besuchs einer Probe im venezianischen Opernhaus „La Fenice“ ereiferte sich ihr Begleiter: „Ich könnte den Dirigenten umbringen!“ – „Ich mach’s für dich, aber in einem Roman“, beruhigte sie ihn. Beide kundschafteten das Haus aus, um nach möglichen Fluchtwegen für einen potentiellen Täter zu suchen, und Donna Leon erfand Commissario Guido Brunetti, um jenen zu fassen. Das Resultat war der erste Fall für Commissario Brunetti – einer überaus erfolgreichen Krimi-Reihe, von der bereits mehrere Teile verfilmt wurden.
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