Die andere Bibel
Gottes verbotene Worte
(tos).
Gleich mehrfach weist Alfred Pfabigan darauf hin, wie wichtig ihm das Buch der
Bücher, die Bibel, ist. Und wie wenig er beabsichtigt, mit seiner Sammlung
„Die andere Bibel“ dem biblischen Original „an den Karren
zu fahren“. Er erzählt von der Sprachmacht der Bibelübersetzung
Martin Luthers und von der in Leder gebundenen Bibel seines Großvaters.
So, als ob er Schlimmstes befürchtet, als ob es heute noch ein Skandal
wäre, der Bibel ihre Autorität abzusprechen. Alfred Pfabigan fürchtet
wohl, mit seinem Hörbuch in eine falsche Schublade gesteckt zu werden.
Der Untertitel des Hörbuchs, „Gottes verbotene Worte“, wirkt
von dieser Perspektive her mehr als unglücklich. Denn die verwendeten Apokryphen
sind zwar in Vergessenheit geraten, verborgen – verboten hingegen waren
sie keineswegs allesamt und auch nicht auf Dauer.
So ist „Die andere Bibel“ keine Veröffentlichung bislang geheim
gehaltener Texte, sondern schlichtweg ein kleines Experiment: Könnten auch
apokryphe Texte eine der Bibel gleichwertige Wirkungsgeschichte erlangen? Wäre
es auch ihnen möglich, die Kulturgeschichte in dem Maße zu beeinflussen,
wie es die Bibel getan hat?
Die Antwort darauf ist freilich dem Hörer überlassen. Und dem dürfte
die Entscheidung nicht leicht fallen, schließlich hat Alfred Pfabigan
aus einer großen Auswahl „the best of“ entnommen. Warum er
welche Texte ausgewählt hat und andere nichtkanonische Texte wiederum außer
Acht gelassen hat, welche Texte er wie miteinander verbunden hat, das alles
lässt sich jedoch erst mithilfe der Buchversion ergründen. Das Hörbuch,
gelesen von Peter Lieck, beschränkt sich auf die Texte und verzichtet –
auch im mit schönen Gemälden versehenen Booklet – auf genauere
Angaben. So ist die Buchversion auf jeden Fall vonnöten, um auch die Anmerkungen
zu Alfred Pfabigans Textkonglomerat in Händen zu halten.
Alfred Pfabigans These, die Kanonisierung habe „ein wunderbares –
virtuelles – Buch zerstört und an seine Stelle einen im Vergleich
zum Original ärmlichen Extrakt gesetzt, der auf Klischees basiert“,
ist missverständlich. Keineswegs ist die Bibel ein Extrakt der apokryphen
Erzählungen, auf die sich Alfred Pfabigan stützt – sie entstanden
vielmehr in starker inhaltlicher Abhängigkeit zu den biblischen Texten
beziehungsweise deren Vorläufern. Der Aufbau seiner alternativen Bibel
hält sich an den der Bibel, die Erzählungen sind den biblischen Geschichten
verwandt und reichen von der Schöpfung bis zur Apokalypse. Die Auswahl
und Bearbeitung der Texte ist mit Bedacht erfolgt – auch unter ästhetischen
Kriterien.
Alfred Pfabigans „Die andere Bibel“ ist eine gut hörbare Sammlung
von „Konkurrenz“-Texten zur Bibel!
Autorenportrait:
Alfred Pfabigan, geboren 1947, unterrichtete Politikwissenschaft, Philosophie
und Kulturwissenschaften in Lancaster (PA), Salzburg und Czernowitz. Er ist
heute Professor am philosophischen Institut der Universität Wien.
Erzählerportrait:
Peter Lieck, 1935 in Berlin geboren, ist seit den 70er Jahren an verschiedenen
Theatern, u. a. in München, Düsseldorf und Köln tätig. Er
arbeitet seit langem für den Rundfunk.
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