Der kleine Freund

Amerikanisches Familienepos voller Spannung

Der kleine Freund(bhs). Sie ist niemand, der Schnellschüsse macht – und so ist auch „Der kleine Freund“ von der amerikanischen Autorin Donna Tartt nichts, was man als „eben mal geschrieben“ ansehen musste. Ihr Erstlingsroman wurde Millionenfach verkauft, und nun kommt nach zehn Jahren mit „Der kleine Freund“ das nächste lesenswerte Werk der Autorin. Anders als ihr Erstling bedient sich Donna Tartt jedoch eines gänzlich unterschiedlichen Stils, einer ausführlicheren, ausschmückenden Erzählweise, die teils etwas langatmig anmuten mag, letztlich jedoch einen Hauch von „Im Winde verweht“ in sich trägt: Eine Südstaatenkulisse, Kleinstadtflair. Hier wächst Harriet Cleve im Schatten ihres Bruders auf, behütet aber stetig konfrontiert mit seinem Tode zwölf Jahre zuvor. Aufgehängt im Garten, wurde sein Mörder nie gefunden, die Tragödie nie verarbeitet, stattdessen eher verdrängt. Schuldgefühle der Mutter, Stillschweigen des Vaters, Beschämungen und Mutmaßungen der Gesellschaft des Städtchens veranschaulichen sämtliche Gefühlswelten, die ein solch ungeklärter Tod mit sich bringen kann. Harriet, mittlerweile auch zwölf Jahre alt, setzt sich zum Ziel, diesen Deckmantel der Verschwiegenheit nicht zu akzeptieren und Recherchen zu betreiben. Bald glaubt sie, den Mörder des verstorbenen Bruders entdeckt zu haben, schmiedet mit einem Freund waghalsige Rachepläne.

Teils psychologisch angehaucht, ein bisschen Thriller um das Familiengeheimnis, outet sich „Der kleine Freund“, aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt übersetzt, hier als Familienepos: Kein wirklicher Krimi, eher das tragische, spannende und kriminologisch beleuchtete Portrait einer Familie inmitten einer facettenreichen Kulisse. Einerseits ein Schwachpunkt, zugleich aber auch keine Einschränkung, denn die Beschreibung der Personen, deren Gefühlswelten und Gedanken zieht den Leser in seinen Bann.

Autorin Donna Tartt geht detailliert und geschickt auf einen jeden der Charaktere ein und zieht den Leser in ihren Bann. Das Mädchen Harriet wird zur Identifikationsfigur: Dickköpfig, trotzig, unbeholfen auf der einen, gerissen und scharfsinnig auf der anderen Seite, traurig in Bezug auf das zerrissene Familienleben, welches sie doch so gern zu retten wünscht. Tragisch das Trauma, mit der die Familie nicht umzugehen vermag; irritierend die überwiegend weibliche Verwandtschaft, eine Reihe skurriler Großtanten, die teils etwas zu blumig beschrieben werden. Kritisch zu betrachten sei vielleicht noch das Schubladendenken innerhalb der Kulisse: Die schwarze Haushaltshilfe des Städtchens mit imposanten Gebäuden fehlt genauso wenig, wie die angeschlagene Psyche der Mutter und teils wirkt die Geschichte doch recht langatmig und ausschweifend.

Ein Grund oberflächlich zu lesen ist damit nicht gegeben: Zu viele Details gehen verloren, raffinierte, sprachliche Leckerbissen genauso, wie charakterliche Feinheiten der Umschriebenen. „Der kleine Freund“ ist ein zu empfehlendes Werk für jeden – außer für den, der eine Kriminallektüre sucht oder am Ende eines kräftigen Buches gern den Täter kennen möchte... .

Autorenportrait:
Donna Tartt wurde 1963 in Greenwood, Mississippi, geboren. Mit fünf Jahren schrieb sie ihr erstes Gedicht. 1981 begann sie an der Universität von Mississippi zu studieren und wechselte dann auf das Bennington College in Vermont, wo sie 1986 auch ihren Abschluss machte. Heute lebt sie mit ihrem Boston Terrier und zwei Möpsen abwechselnd in Charlottesville, Virginia, und Manhattan.

Der kleine Freund

Donna Tartt
Der kleine Freund

Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt
Wilhelm Goldmann Verlag, München
ISBN 3-442-30668-x
1. Auflage, 768 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, Format 13,5 x 21,5 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 24,90 (D) / € 25,60 (A) / sFr 42.-

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Der kleine Freund

Donna Tartt
Der kleine Freund
Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt
Goldmann Taschenbuch Verlag, München
ISBN 3-442-45963-X
1. Auflage 2005, 768 Seiten, Taschenbuch.
Unverbindliche Preisangabe: € 9,95 (D) / € k. A. (A) / sFr 18,20

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