Windows on the World
Fiktiver Roman um die Ereignisse des 11. September 2001 im Café des WTC
(akg).
Es ist der Vormittag des 11. Septembers 2001. Das erste entführte Flugzeug
ist bereits in den Nordturm des World Trade Center eingeschlagen. Millionen
von Menschen sitzen weltweit vor ihren Fernsehern - entsetzt über das Unfassbare.
Gebannt leiden sie mit den Menschen, die sich verzweifelt aus den oberen der
110 Stockwerke stürzen.
Carthew Yorston ist einer von ihnen. Extra früh aufgestanden, um mit seinen Söhnen im Luxuscafé "Windows on the World" zu frühstücken, ist er nun unmittelbarer Zeuge des Terroranschlags. Jede Minute wird er sich stärker der aussichtslosen Lage bewusst, in der er sich befindet, jede Minute glaubt er weniger an eine Rettungsaktion. Schließlich bleiben ihm nur noch die Gebete, an die er sich in dieser Situation klammert: "Oh Lord, ich bitte Dich um Gnade (...). Have mercy on us. Und wie sagt man ,mercy' auf Arabisch?"
Die fiktiven Gestalten, die mit den Twin Towers untergehen, sind keine Helden. Nichts an ihnen ist verklärt, nichts ist Illusion. Sie fühlen sich als die Gewinner des Lebens, weil sie sich ein Frühstück im Restaurant "Windows on the World" leisten können. In Ralph Lauren- und Kenneth Cole-Kleidung genießen sie den Ausblick über New York, reden über Belangloses und planen ihre Zukunft. Ob sie ihre Frau verlassen, ob sie noch mehr Immobilien kaufen, ob sie sich öfter um die Kinder kümmern sollten. Ihre Sprache ist ausfallend und selbst in ihren letzten Minuten leben sie ihre sexuellen Phantasien. Das Flugzeug schlägt ein und der Vater bringt zuerst sich und dann seine Kinder in vermeintliche Sicherheit.
In diesen nur allzu menschlichen Aspekten liegt die Stärke von Frédéric Beigbeders Roman "Windows on the World". Abwechselnd erzählt der Autor von dem Schreckensszenario, das sich im World Trade Center abspielt und von seinen Empfindungen in Paris, ein Jahr nach der Katastrophe. Im französischen "Twin Tower", dem "Ciel de Paris", erlebt er den 11. September nach. Hier erinnert er sich an seine Kindheit und lässt im folgenden Kapitel auch Terroropfer Carthew Yorston an seine Kindheit denken. Er vergleicht Ansichten und Luxuscafés, bis Autor und Opfer immer mehr zu einer einzigen Figur werden. Wie hätte ich mich im Restaurant "Windows on the World" verhalten, fragt sich Frédéric Beigbeder, was hätte ich getan?
Den 11. September 2001 aus der Sichtweise eines Franzosen zu erleben ist äußerst aufschlussreich. Besonders, da Frédéric Beigbeder in seinem Roman auch auf die Differenzen von Frankreich und den USA eingeht. Er spricht von der Ablehnung der Franzosen gegen die Amerikaner und deutet es am Ende als Bewunderung. Seine Lieblingsmusiker sind Amerikaner, seine Lieblingsschauspieler auch und letzten Endes sind alle weißen Amerikaner vor höchstens acht Generation Europäer gewesen. Und doch bleibt die Befremdung vor der Supermacht, die allem ihren politischen Stempel aufdrückt.
Es sind die außergewöhnlichen Gedanken und Ansichten Frédéric Beigbeders, die "Windows on the World" zu einem äußerst lesenswerten Werk über den 11. September 2001 macht. Einige Passagen sind englisch geschrieben, im französischen Original wie in der von Brigitte Große übersetzten deutschen Ausgabe. Das vorletzte Kapitel hat das Format zweier Spalten - in Form der World Trade Center. Frédéric Beigbeder beteuert, dass er keinen Krimi schreiben wollte, da jeder bereits weiß, wie seine Geschichte über den Terroranschlag ausgeht. Stattdessen beschreibt er im Minutentakt die Zeit, die zwischen dem Einschlag des ersten Flugzeugs und dem Einbruch des Turms liegen. "Die Hölle dauert eindreiviertel Stunden. Dieses Buch auch."
Autorenportrait:
Frédéric Beigbeder, 1965 in Neuilly sur Seine geboren, studierte Politologie und lebt als Literaturkritiker, Schriftsteller und Programmchef eines großen Verlagshauses in Paris. Er gilt als enfant terrible der französischen Literaturszene. "Windows on the World" wurde in Frankreich als Literaturereignis gefeiert und mit dem renommierten "Prix Interallié" ausgezeichnet.
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