Wein
Eine Auslese in 50 Gedichten
(tik).
Wein, Weib und Gesang – dem empfindsamen Geist des Kunstschaffenden war
diese Trias von jeher wichtige Voraussetzung zu der Zerstreuung, die nötig
ist, um aus dem entstandenen Chaos neu schöpferisch Tätig zu werden.
Wem eine solche Aussage dann doch etwas zu flach scheinen mag, oder wer hier
gar primitiven Chauvinismus am Werk sieht, sei die Reclam-Anthologie „Wein
– Eine Auslese in 50 Gedichten“ von den Herausgeberinnen Evelyne
Polt-Heinzl und Christine Schmidjell wärmstens empfohlen, lassen sich darin
doch die schönsten – und sicher auch anspruchsvollen – Koalitionen
zwischen Tinte und Wein studieren, die der deutsche Sprachraum hervorgebracht
hat.
So weckt das Lesen nicht nur Lust auf ein, zwei Gläschen des erhebenden
Getränks (das natürlich auch), es spendet schon an sich einiges der
Freude, die zu besingen sie alle angetreten sind: Da wäre natürlich
der Bacchus-Verehrer Friedrich Hölderlin mit seinen antikisierenden Dithyramben.
Das Dichten ist ein altes Geschäft, und immer schon half ein Glas Wein,
den Geist aufs Nötige zu verfeinern. Und, wie man sich vielleicht erinnert,
schrieb selbst Goethe lange Zeit in diesem Versmaß, doch wandte er sich
später davon ab. Ein leichterer, fröhlicherer Rhythmus sollte es sein
– der schließlich auch gefunden wurde. Von nun an ging es anakreontisch
zu. Dennoch, auch in diesen Versen zeigt sich ein alter Begleiter: „Auf,
trinkt erneuter Freude / Dies Glas des echten Weins! / Auf, in der holden Stunde
/ Stoßt an und küsset treu / Bei jedem neuen Bunde / Die alten wieder
neu!“
So geschah es schließlich auch. Über drei Jahrhunderte hinweg wurde
jeder neue Bund, jede Rückbesinnung auf dichterische Vorbilder bei gleichzeitigem
Versuch etwas Neues, Schöneres zu schaffen, mit einem Schluck des Göttertropfens
besiegelt. Diesen Eindruck erweckt zumindest unsere Wein-Anthologie –
und das sicher nicht zu unrecht. Denn was kann der Wein uns als poetische Metapher
so alles sagen! Er spricht von Liebe, dem Rausch der Sinne beim Blick in das
Gesicht der oder des Geliebten, vom Fest der herbstlichen Ernte wie auch von
den Freuden des Jahrebeginns. Man kann in seiner schweren Röte den aufdämmernden
Morgen erkennen – einen Neuanfang sozusagen – aber dann wieder:
Trägt er nicht immer den Keim der Zerstörung in sich?
Und so könnte man vermutlich weitermachen. Uns liegt ja schließlich
nur „Eine Auslese in 50 Gedichten“ vor, die Fülle der Assoziationsmöglichkeiten
ist aber wohl noch um ein Vielfaches reicher. Doch sei das Weiterdenken all
jenen Lesern überlassen, deren schönste Gaumenfreude Poesie heißt:
„Prost, goldne Brüder, ihr Sterne!“
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