Troja und die Rückkehr des Odysseus
Die Geschichte der Ilias und der Odyssee
(bhs).
Schreiben ist Kunst. Zumindest ist das Werk „Troja und die Rückkehr
des Odysseus“ von Rosemary Sutcliff künstlerisch. Die ganze Illias,
das Spiel der Götter, die Psyche von Heldinnen und Helden, der Kampf um
Troja mitsamt allen Hintergründen, sind in diesem Buch handfester, anschaulicher
und zugleich von historischer Noblesse wiedergegeben, dass der einkehrende Frieden
auf den griechischen Inseln den Leser fast schmerzen würde, könnte
er das Buch nicht erneut von vorne beginnen.
Die lange Zeit der Belagerung ist vorbei und Troja liegt in Schutt und Asche. Die schwarzen Schiffe der griechischen Flotte stechen in See. Auf der Rückfahrt aber erwarten König Odysseus von Ithaka Gefahren von einem Ausmaß, wie er sie während des ganzen trojanischen Krieges nicht erlebt hat: Widrige Winde verschlagen ihn in die unbekannte Ferne, und dort hat er nicht nur mit seiner Besatzung zu kämpfen, sondern wird stetig neuen und schwereren Prüfungen unterzogen: Die menschenfressenden Kyklopen, die Zauberin Kirke, das Schattenreich. Als er endlich wieder die Küste Ithakas erreicht, findet er seine geliebte Penelopeia von jungen Männern umlagert. Dann stellt sich Göttin Athene auf seine Seite... .
In „Troja und die Rückkehr des Odysseus“, den Nacherzählungen
des gesamten Sagenkreises der Illias und der Odyssee von Autorin Rosemary Sutcliff,
sind die erstmalig 1996 und 1998 auf Deutsch erschienenen und damals kongenial
von Alan Lee illustrierten Einzelausgaben „Schwarze
Schiffe vor Troja“ und „Die
Rückkehr des Odysseus“ enthalten. Das Ergebnis ist ein
Werk, das den phantastischen, märchenhaften Charakter der homerischen Werke
besser wiederzugeben vermag, als viele der bisweilen eher spröden Versübersetzungen.
Rosemary Sutcliff war eine Dame. Optisch und in ihren Worten. Barock fast zerschmelzen
ihre Sätze förmlich auf der Zunge des Lesers und schon der Beginn
besticht: „In den hehren alten Zeiten, als die Männer Helden
waren und unter den Göttern wandelten (...)“. Sprache, die Gänsehaut
verursacht. Die nicht nur allein Rosemary Sutcliff zu verdanken ist, sondern
auch der gelungenen Übersetzung aus dem Englischen von Astrid von dem Borne.
Dramatisch, atmosphärisch, anschaulich, einfühlsam und wortgewandt
wendet sich die Autorin an die Jugend, nicht ohne dabei sowohl die Härte
und Grausamkeit des Krieges, als auch die eigenartige Schönheit der frühen
griechischen Kultur und ihre Liebe zur Sage einzufangen.
Die Geschichte vom Zorn des Achill, von der Entführung der Helena und dem
trojanischen Pferd ist dabei genauso enthalten, wie das Spiel der Götter
um Paris. Ihm „sank das Herz vor Scham und auch vor Furcht“
– und beim Leser, der ihn einst vielleicht in Hagelstanges „Spielball
der Götter“ lieb gewonnen hat, „sinkt sein Stern“: Rosemary
Sutcliff weckt die Neigung zu weiblichen Sichtweise des Ganzen. Die Frauen stehen
charakterlich ein Stück weit im Vordergrund von „Troja und die Rückkehr
des Odysseus“. Wurden sie einst in der Griechischen Geschichte eher als
Objekte der Begierde denn als Heldinnen angesehen, gelingt Rosemary Sutcliff
in ihrem Werk eine sanfte Wendung dieses Eindruckes.
„Troja und die Rückkehr des Odysseus“, im Anhang ergänzt
mit einem hilfreichen Register aller wichtigen Personen der griechischen Antike,
ist ein wunderschönes Geschenk für alle größeren Kinder
– aber auch für jeden, der sich selbst etwas Schönes gönnen
möchte, gleich welchen Alters man auch ist!
Autorenportrait:
Rosemary Sutcliff, am 14. September 1920 in England geboren, hat sich mit ihren
Kinder- und Jugendbüchern zu historischen Themen weit über England
hinaus einen Namen gemacht. Infolge einer Krankheit in der Kindheit war sie
zeitlebens körperlich behindert. Sie besuchte eine Kunstschule und arbeitete
zunächst als Malerin, bis sie Mitte der 1940er Jahre zum Schreiben fand.
Sie wurde für ihre Bücher mehrfach ausgezeichnet. 1975 erhielt sie
den Orden des British Empire. Rosemary Sutcliff starb am 23. Juli 1992.
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