Nathan der Weise
Lessings Drama im Bilderbuch
(emk).
Dieses Mal hat sich Barbara Kindermann für ihre Bilderbuch-Reihe "Weltliteratur
für Kinder" einen besonders schwierigen Stoff ausgesucht: Als Vorlage diente
Gotthold Ephraim Lessings Schauspiel "Nathan der Weise". Und wie in ihren vorangegangenen
Nacherzählungen "Faust"
und "Romeo
und Julia" hat es sich die Autorin auch hier zu Aufgabe
gemacht, in Sprache und Stil möglichst nah am Original zu bleiben.
Die Sprache Lessings - die Zitate aus seinem "dramatischen Gedicht in fünf Aufzügen" sind im Bilderbuch kursiv gesetzt - scheint für heutige Kinder-Ohren jedoch schwer verständlich. So wird es Kindern ab sieben Jahren sicherlich nicht leicht fallen, der Geschichte zu folgen. Sie handelt von Nathan dem Weisen, einem Juden, der ein christliches Mädchen aufzieht, nachdem seine eigenen sieben Söhne von Christen umgebracht wurden. Und von dem Sultan, einem Moslem, der den Tempelherrn als einzigen Christen nicht zum Tode verurteilt. Dieser rettet Recha, die Pflegetochter Nathans, aus einem brennenden Haus, will aber keinen Dank, weil er Recha für eine Jüdin hält. In die Verwicklungen wird der Sultan eingeschaltet, der Nathan dem Weisen die Frage nach der besten Religion vorlegt. Es folgt die berühmte Ringparabel, deren Gehalt die Aufforderung zu Toleranz gegenüber Andersgläubigen enthält. Recha und der Tempelherr sind die verloren geglaubten Kinder des Bruders des Sultans, der ein Freund Nathans ist, und so verbinden verwandtschaftliche Bande die drei verschiedenen Religionen.
Die Bilder von Illustratorin Maren Briswalter zeigen detailgetreu das tägliche Leben in Jerusalem zurzeit der Kreuzzüge. Die ganzseitigen Illustrationen und die Figuren am Rand der Textseiten sind kindgerecht und einfach gezeichnet. Es gibt viel zu sehen im Palmenhain, jeder Mauerstein des Klosters im Hintergrund ist zu erkennen; das Gemach im Palast des Sultans zeigt viele authentische Kleinigkeiten, überhaupt ist die Architektur der damaligen Zeit anschaulich wiedergegeben. Die Zeichnungen von Maren Briswalter entsprechen der Vorstellungswelt eines 7-jährigen Kindes, der Text von Barbara Kindermann dagegen ist durch seine Nähe zu dem Stil Lessings sehr anspruchsvoll und daher erst für Kinder ab zwölf Jahre verständlich. Hierin liegt die Diskrepanz dieses Bilderbuches, der man nur begegnen kann, indem man "Nathan der Weise" vorliest und Redewendungen wie "ich habe es vernommen", "sichtlich ungehalten" oder "er herrschte sie wütend an" erklärt.
Auf der letzen Seite der Nacherzählung von Barbara Kindermann befinden sich Anmerkungen zum Autor, zum Stück und zur Darstellung der Figuren. Erläutert wird, warum " Nathan der Weise" als angesehner jüdischer Kaufmann das weite Gewand der Gelehrten und in der Öffentlichkeit einen Turban trägt, und dass der Sultan, wegen der häufig geführten Kriege als Feldherr in Reitstiefeln abgebildet ist. Vervollständigt werden die Hinweise durch eine Ahnentafel, aus der die verwandtschaftlichen Beziehungen der handelnden Personen in Lessings Drama hervorgehen.
Vielleicht hat Babara Kindermann dieses Stück Weltliteratur gerade jetzt, aus der aktuellen politischen Weltlage heraus, ausgewählt. In Lessings Bühnenstück versöhnen sich Juden, Christen und Moslems - in dem Bilderbuch "Nathan der Weise" auch.
Autorenportrait:
Dr. Barbara Kindermann, geboren 1955 in Zürich, studierte Germanistik, Philosophie und Sprachen in Genf, Dublin, Florenz und Göttingen. Sie war mehrere Jahre als Lektorin tätig, bevor sie 1994 in Berlin den Kindermann Verlag gründete, den sie seither leitet. Nach "Faust" und "Romeo und Julia" ist "Nathan der Weise" der dritte Band aus der Reihe "Weltliteratur für Kinder".
Illustratorenportrait:
Maren Briswalter, geboren 1961, wuchs in Dresden auf und studierte dort Malerei an der Hochschule für Bildende Kunst, bis sie 1980 in den Westen übersiedelte. Seit 1987 illustriert sie als frei schaffende Künstlerin Kinder- und Jugendbücher und zeichnet Bildergeschichten für das Fernsehen. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Mainz.
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