„Ich bin Gott“

Waslaw Nijinski – Leben und Wahnsinn

"Ich bin Gott"(akg). „Man könne Nijinskis Leben ganz einfach aufteilen in 10 Jahre um zu wachsen, 10 Jahre um zu lernen, 10 Jahre um zu tanzen und 30 Jahre um zu sterben.“ Was sich wie eine groteske Vereinfachung anhört, ist bei Waslaw Nijinski Wirklichkeit: In einem beispiellosen Aufstieg tanzte er bereits mit 18 Jahren in weltweit führenden Ballettproduktionen, entwickelte Anfang des 20. Jahrhunderts in legendären Choreographien das Moderne Ballett und verfiel auf dem Höhepunkt seiner Karriere dem Wahnsinn. Während er die erste Hälfte seines Lebens als umjubelter Weltstar tanzte, verbrachte er die zweite unter medikamentösem Einfluss in psychiatrischer Isolation.


Obwohl kein Tänzer so oft gemalt, gezeichnet und skulptural abgebildet wurde wie Waslaw Nijinski, blendeten Autoren diese bedeutende Phase seines Lebensweges bisher aus. Psychiater Peter Ostwald berücksichtigt jedoch auch Nijinskis geistige Verfassung und widmet seiner Verwirrtheit ebenso viel Beachtung wie seinen künstlerischen Höchstleistungen. Auch zu Nijinskis tänzerischen Bewegungen und Choreographien zieht das kenntnisreich aus dem Amerikanischen von Christian Golusda, der selbst Arzt für Psychiatrie und Tänzer ist, übersetzte Werk medizinische Parallelen. Peter Ostwald macht auf Waslaws geistesgestörten Bruder Stanislaw aufmerksam, dessen spastische Bewegungen ihn zu neuartigen Tanzbewegungen inspiriert haben könnten.


Der Mythos Nijinski wird in „Ich bin Gott“ durch diese naturwissenschaftlichen Fakten jedoch nicht zerstört. Autor Peter Ostwald, der während seines Studiums in der Oper als Platzanweiser arbeitete, zeigt sich als leidenschaftlicher Ballettliebhaber und wahrer Bewunderer Nijinskis. Einfühlsam beschreibt er dessen Werdegang, fügt Originalzitate von Zeitzeugen ein, greift auf Pflegeberichte zurück und zeigt Fotografien sowie Zeichnungen.


Als Sohn eines Tänzerehepaars war Waslaw Nijinski seine künstlerische Begabung bereits in die Wiege gelegt. Schon als Kind trainierte er in der Kaiserlichen Ballettschule Russlands und gelangte durch seine Verbindung mit dem großen Impressario Diaghilew als 20-Jähriger zu großem Weltruhm. Nicht immer waren seine neuen Wege der Kunst erfolgreich. Oft war er seiner Zeit voraus und traf mit seinen Inszenierungen auf ein verständnisloses Publikum. Mit der Trennung von Diaghilew neigte sich auch seine Karriere dem Ende entgegen. „Ich bin Gott“, notierte er vor einem seiner letzten öffentlichen Auftritte und wollte danach nur noch die Rolle des „Irren“ spielen – sie sollte die dauerhafteste seines Lebens werden.


Der berühmte Ballettchoreograph John Neumeier ist von Peter Ostwalds Biographie begeistert. In seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe schreibt der Chef des Hamburger Balletts, dass er generell jedes Buch über Waslaw Nijinski kaufe. Bei „Ich bin Gott“ habe es sich gelohnt. Trotz all der naturwissenschaftlichen Aspekte, die dieses Werk zu bieten hat, trotz all der Sichtweisen auf den großen Künstler bleibt Nijinski uns als Legende erhalten und offenbart sich als „(...) ein Mythos, eine Erscheinung, ein Symbol, ein Phantasiegeschöpf, eine biologische Schöpfung, ein flüchtiges Bild Gottes. Nijinski, der Gott des Tanzes.


Autorenportrait:
Peter Ostwald, 1928 geboren, war Professor für Psychiatrie an der „University of California“, San Francisco, und Leiter des dortigen „Health Program for Performing Artists“, einer Organisation, die sich der gesundheitlichen Rehabilitation von Musiker, Tänzern und anderen Künstlern widmet. Zahlreiche Veröffentlichungen, bevor Peter Ostwald 1996 starb.

"Ich bin Gott"

Peter Ostwald
„Ich bin Gott“
Waslaw Nijinski – Leben und Wahnsinn
Aus dem Amerikanischen von Christian Golusda
Europäische Verlagsanstalt, Hamburg
ISBN 3-434-50066-9
1. Auflage 1997, 490 Seiten, mit zahlreichen s/w-Abbildungen, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen.
Unverbindliche Preisangabe: € 35.- (D) / € k. A. (A) / sFr 64.-

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