Gottes heimliche Kinder
Töchter und Söhne von Priestern erzählen ihr Schicksal
(tos).
„Mein Papa ist ein Priester, und ich und meine Familie hätten
gern, dass Priester heiraten dürfen“, schreibt die achtjährige
Gabriele an den Heiligen Vater in Rom. Eine Antwort hat sie freilich nie erhalten.
So wie auch die beiden Autoren des Buches „Gottes heimliche Kinder“
auf ihre Nachfragen in den deutschen Bistümern so gut wie nie eine Antwort
erhielten. 13 Geschichten erzählen Annette Bruhns und Peter Wensierski
in ihrem Buch über Töchter und Söhne katholischer Priester. Es
sind feinfühlig erzählte Lebensberichte, in denen die Kinder und auch
ihre Eltern ausführlich zu Wort kommen – so sie denn willens sind.
Denn manch ein Priester, der sich vor die Entscheidung Kind oder Job gestellt
sieht, hat sich für den Beruf entschieden. Der Priester Leonhard Modlmayr
etwa, der seinen Sohn erst im Alter von 36 Jahren zum ersten Mal gesehen hat.
Und auch der Vater von Catharina, der nun irgendwo in Lateinamerika arbeitet.
Doch die Lebensläufe, die in dem Buch „Gottes heimliche Kinder“
Erwähnung finden, gleichen sich allenfalls in Grundmustern. Sie zu lesen
ist alles andere als langweilig, da man unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen
Lebenssituationen begegnet. Da ist der evangelische Pfarrer, der zum katholischen
Glauben konvertiert und seine Familie – die er als Konvertit behalten
darf – plötzlich aufs Abstellgleis abschiebt, um den vielen Fragen
zu umgehen. Dann ist da das Pfarrhaus, in dem der Priester mit seiner Haushälterin
lebt – die Kinder seien vom ersten Mann der Frau, wird Neugierigen entgegengehalten.
Und da ist der Priester Bruno Ix, der mit Billigung seines Bischofs zwei Kinder
adoptierte.
Doch es sind die zerrissenen Familien, die in dem Buch „Gottes heimliche
Kinder“ in der Überzahl sind. Es sind die Familien, in denen die
Vaterfigur fehlt, weil der Vater abgehauen ist oder weil den Priester die neue
Rolle als Vater völlig überfordert. Denn wenn der Vater sich für
sein Kind entscheidet und der Kirche den Laufpass gibt, fangen für ihn
die Probleme erst an. Mutter Kirche achtet sehr darauf, dass die Ex-Priester
nicht in kirchennahen Einrichtungen eine Anstellung finden. So sind die Priester
zunächst einmal die Hausmänner in der Familie – was viele von
ihnen belastet. Einige der unfreiwilligen Väter, so berichten die Autoren,
griffen ob ihrer ausweglosen Lage zur Flasche. Doch die Priester sind nicht
die einzigen, die unter der besonderen Situation zu leiden haben. Die Frauen
sind es, die mit einem hin- und her gerissenen Vater klarkommen müssen
oder die mit Orden und Bistümern um Alimente für ihre Kinder prozessieren
müssen. Die Kinder wiederum müssen schon früh lernen, ihr „kleines
Geheimnis“ für sich zu behalten.
Das Urteil der beiden Autoren Annette Bruhns und Peter Wensierski ist klar:
„Verschweigen, verleugnen, vertuschen – das ist die Devise der
Kirche gegenüber den Nachkommen aus den eigenen Klerikerreihen.“
Die Konsequenz: Das Zölibat, für das es keine theologische Begründung
gebe, gehöre endgültig abgeschafft. Im Anhang des Buches befinden
sich nützliche Adressen von Initiativen, an die sich Betroffene wenden
können.
„Gottes heimliche Kinder“ berührt und lässt den Leser
oft ungläubig den Kopf schütteln angesichts der offenbarten Schicksale.
Autorenportrait:
Annette Bruhns, geboren 1966, ist seit 1995 Politikredakteurin beim „Spiegel“.
Zuvor arbeitete sie beim „Greenpeace Magazin“. 1985 lebte sie als
Unesco-Stipendiatin in einem brasilianischen Kloster, das sich der Theologie
der Befreiung angeschlossen hatte. Sie lebt mit ihrer Tochter in Hamburg.
Peter Wensierski, geboren 1954, arbeitet seit 1993 im Deutschland-Ressort des
„Spiegel“. Als Dokumentarfilmer und Fernsehjournalist berichtete
er zuvor über gesellschaftspolitische Themen aus Ost- und Westdeutschland.
Er erhielt 1986 für „Mauerläufer“ den Bundesfilmpreis
und den Europäischen Fernsehpreis 1993 für einen Film über Berlin-Marzahn.
Er hat zwei Kinder und lebt in Berlin.
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