FIFA 1904-2004

100 Jahre Weltfußball

FIFA 1904-2004(hpe). Irgendwie erinnert Joseph S. Blatter, der Präsident der Fédération Internationale de Football Association (FIFA), in seinem Habitus ja ein wenig an Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Nach Gutsherrenart leitet er die weltgrößte Organisation, wie das Hin und Her um die einteiligen Trikots der Nationalmannschaft Kameruns zuletzt erst wieder gezeigt hat. Der Aufschrei und die Diskussionen, die dem zwischenzeitlichen Sechs-Punkte-Abzug für die „unzähmbaren Löwen“ folgte, zeigt eines deutlich: Die Macht der FIFA, mit ihren Entscheidungen ein ganzes Land mir nichts dir nichts in kollektive Trauer zu stürzen. Wenn diese einflussreiche Organisation jetzt 100 Jahre alt wird, dann ist es also nur gerechtfertigt, dass das Jubiläum auch in schriftlicher Form seinen würdigen Rahmen findet. So geschehen in dem vom Weltverband in Auftrag gegebenen Bildband „FIFA 1904-2004“, dessen Autoren Christiane Eisenberg, Pierre Lanfranchi, Tony Mason und Alfred Wahl nicht etwa auf der Gehaltsliste der FIFA stehen, sondern angesehene, mit der Materie vertraute Historiker sind, die, um sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren, gänzlich auf Honorare verzichtet haben.


Dass er es hier, statt mit einer unkritischen Selbstbeweihräucherung, mit einer seriösen Aufarbeitung zu tun hat, merkt der Leser schon am Einband von „FIFA 1904-2004“. Nicht quietschbunte Bilder der Maradonas, Pélés und Beckenbauers in Aktion prangen auf der Vorderseite, sondern ein halber Fußball vor einem schwarzen Hintergrund. Der Ball wird auf der Rückseite von einer halben Weltkugel vervollständigt. Dort steht auch der Anspruch der FIFA formuliert, „Nationen einander näher bringen“, was, wie die im Buch ausführlich geschilderte Gründungszeit Anfang des 20. Jahrhunderts bewiesen hat, ein nicht eben einfaches Unterfangen ist.


Um den historischen Kontext herzustellen, beginnt das Buch „FIFA 1904-2004“, das von Judith und Dietmar Hüser sowie Gesa Stedman übersetzt wurde, mit einem lehrreichen Teil über die Entstehung und Verbreitung des Fußballs zunächst als Schul-, später als Volkssport. Schon in diesem Kapitel wartet es mit einigen bemerkenswerten Informationen auf. Zum Beispiel wird klargestellt, dass diejenigen, die England als Mutterland des Fußballs bezeichnen, nicht unbedingt richtig liegen, denn ähnliche Ballspiele sind weltweit schon lange vor Mitte des 19. Jahrhunderts praktiziert worden. Von der britischen Insel gingen jedoch die Regeln aus, die dem Sport – natürlich in weiter entwickelter Form – auch heute noch zugrunde liegen. Man erfährt zudem, dass man Fußball damals in den Schulen zur Stärkung der Disziplin spielen ließ. Ein Irrtum, wie sich heute angesichts der zahlreichen Entgleisungen auf dem Platz herausgestellt hat.


Dass die FIFA in ihren Anfängen einen schweren Stand hatte, ist unter anderem auf die doch sehr eigenbrötlerische Haltung des englischen Fußballverbandes FA zurückzuführen, welcher der Internationalisierung seiner „Erfindung“ misstrauisch gegenüberstand. So gehörte das Pionierland nicht zu den acht Gründungsnationen, die sich im Jahre 1904 in Paris zusammentaten, und auch in der Folgezeit war man auf der Insel nicht immer mit der Politik der FIFA einverstanden, was durch zwei Austritte dokumentiert ist. Auch die Deutschen gehörten keinesfalls ununterbrochen zum erlauchten Kreis der Mitglieder. Das ist den zwei verlorenen Weltkriegen geschuldet, die jeweils den zeitweiligen Ausschluss zur Folge hatten. Wie man überhaupt sagen muss, dass die Politik zu jeder Zeit seines Bestehens eine mitentscheidende Rolle im Wirken des Weltverbandes spielte. Zwar widmet das Autorenteam diesem Sujet namentlich nur ein Kapitel, doch zieht sich das Zusammenspiel von Sport und Zeitgeschehen wie ein roter Faden durch den Bildband „FIFA 1904-2004“.


Doch ob nun der Putschversuch des südamerikanischen Fußballverbands in den 40ern oder die Gründung der UEFA 1957, um den Stimmen der europäischen Vereine ein größeres Gewicht zu verleihen, die Schwierigkeiten auf dem politischen Parkett konnten die Erfolgsgeschichte höchstens verlangsamen, nicht jedoch zum Scheitern bringen. Zu groß war das Verlangen der Landesverbände, sich im populärsten Sport der Welt mit anderen großen Nationen zu messen. Und nur ein Eintritt machte es möglich, offizielle Länderspiele mit anderen Mitgliedern abzuhalten. So wuchs die FIFA-Gemeinde stetig und hat heutzutage mit 204 die Zahl der in der UNO organisierten Staaten übertroffen.


Dafür, dass die Präsentation von Daten und Fakten nicht zu dröge gerät, sorgen die sinnvolle Unterteilung in gerade richtig portionierte Themenhappen sowie die ständige Auflockerung durch 550 Fotos von Spielszenen, Plakaten und Zeichnungen. Die Bildredakteure Paul Dietschy und Heidrun Homburg haben hier wirklich ganze Arbeit geleistet, um alle Dimensionen des Sports abzubilden. Unter anderem findet sich ein Foto des sowjetischen Linienrichters Bakramow, der 1966 für die wohl denkwürdigste Fehlentscheidung der Geschichte des Sports verantwortlich war.


Gut gelöst ist auch die Einteilung nach in sich chronologisch geordneten Themen. So kann sich der nur partiell interessierte Leser auf einzelne Abschnitte konzentrieren und der Bildband „FIFA 1904-2004“ erfüllt darüber hinaus die Funktion eines Nachschlagewerks. Der Themenbogen von Politik über Kommerzialisierung hin zum Frauenfußball ist größtenteils gelungen, nur der kurze Überblick über die Bedeutung des Fußballs in Kunst, Literatur und Film wirkt etwas deplaziert und auch nicht richtig fundiert. Sehr lehrreich und interessant jedoch ist das Kapitel „Spielregeln und Schiedsrichterwesen“. Angefangen beim Auswechslungsverbot selbst von verletzten Spielern in den Gründerjahren, bis hin zu den Experimenten mit Auszeiten und Abschaffung von Unentschieden des brasilianischen Verbandes in den 90ern, war schon einiges zum Kopfschütteln dabei. Dass Regeländerungen auch immer eine Änderung in der Spieltaktik zur Folge hatten, zeigt der Bildband „FIFA 1904-2004“ sehr deutlich anhand der Lockerung der Abseitsregel über die Jahrzehnte.


Doch bei aller Fokussierung auf die Vergangenheit, kommt auch die Zukunft nicht zu kurz, einige der Kapitel enden mit einem Ausblick. Der letzte Abschnitt beschäftigt sich deshalb mit den Aufgaben, die in den nächsten Jahren anstehen. Im Mittelpunkt steht dabei die bessere Förderung von Jugend- und Frauenfußball. Zudem müssten alle Erdteile gleichermaßen Gelegenheit zur Ausrichtung der Weltmeisterschaften haben. Diesen Schritt hat Joseph S. Blatter ja schon mit der Garantie eingeleitet, die WM 2010 auf jeden Fall in Afrika auszutragen.


Wenn man überhaupt Kritik an dem Bildband „FIFA 1904-2004“ äußern will, dann, weil das Sportliche etwas zu kurz gekommen ist. Spielergebnisse finden nur dann größere Erwähnung, wenn sie in irgendeiner Weise auch für die Entwicklung der FIFA bedeutend wurden. Wer sich die großen Momente der Weltmeisterschaften noch einmal in Erinnerung rufen möchte, der wird in diesem Buch kaum fündig. Zu unbedeutend ist ein Fallrückzieher gegenüber der Reformierung der Transferregeln. Bosman-Urteil schlägt Bananenflanke, wenn man so will.


Den Jubel über die genialen Künstler auf dem Platz überlassen die vier Historiker Christiane Eisenberg, Pierre Lanfranchi, Tony Mason und Alfred Wahl anderen. Mit Recht sahen sie ihre Aufgabe in einer Auseinandersetzung mit den – eben zu einem großen Teil politisch motivierten – Entscheidungen des hundertjährigen Weltverbandes. Und so ist der opulente Bildband „FIFA 1904-2004“ schon jetzt ein Standardwerk, das aus der Masse der oberflächlichen Abhandlungen über das Spektakel Fußball deutlich hervorsticht!


Autorenportrait:
Christiane Eisenberg, geboren 1956, studierte Geschichte und Sozialwissenschaften an der Universität Bielefeld (dort Promotion 1986). Sie arbeitete am Institute for Advanced Study, Princeton N. J., und and er Universität Hamburg (dort Habilitation 1996) und lehrt heute als Professorin für Britische Geschichte am Großbritannien-Zentrum der Humboldt-Universität Berlin.
Pierre Lanfranchi, geboren 1959, studierte Geschichte und Kulturgeschichte an der Universität Montpellier, am Institut für Europäische Geschichte Mainz und am Europäischen Hochschulinstitut Florenz. Er organisierte seit den 1990er Jahren zahlreiche internationale Konferenzen zur Fußballgeschichte und arbeitet heute als Research Professor an der DeMontfort University Leicester.
Tony Mason, geboren 1938, studierte Geschichte an der University of Hull und lehrte an der University of Edinburgh und der University of Warwick. Seit 1998 ist er Forschungsprofessor an der DeMontfort University Leicester. Er gilt als der Pionier der Fußball- und Sportgeschichte in Großbritannien und hat auch zur Geschichte des südamerikanischen Fußballs geforscht.
Alfred Wahl, geboren 1938, studierte Geschichte an der Université de Strasbourg. Er ist der Professor für Zeitgeschichte an der Université de Metz und arbeitet vor allem zu Themen der deutschen und französischen Geschichte.

FIFA 1904-2004

Christiane Eisenberg, Pierre Lanfranchi, Tony Mason und Alfred Wahl
FIFA 1904-2004
100 Jahre Weltfußball
Übersetzung von Judith und Dietmar Hüser, Gesa Stedman
Verlag Die Werkstatt, Göttingen
ISBN 3-89533-442-1
1. Auflage 2004, 312 Seiten, mit 550 meist farbigen Fotos und Abbildungen, Hardcover gebunden, Format 24 x 32 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 39,90 (D) / € k. A. (A) / sFr k. A.

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