Die Erfindung der Wolken

Wie ein unbekannter Meteorologe die Sprache des Himmels erforschte

Die Erfindung der Wolken(tik). "Die Erfindung der Wolken" ist kein Märchen - sie fand statt. Die Wolken, so wie wir sie heute kennen, wurden um 6.00 Uhr an einem Dezemberabend im Jahr 1802 "in einem feuchten und höhlenartigen Londoner Laboratorium" der Öffentlichkeit präsentiert. Seltsamerweise ging der Erfinder dieser doch nicht unbedeutenden Himmelsgebilde nach einigen Jahren des Ruhmes wieder zwischen den unzähligen Namen wichtiger wissenschaftlicher Persönlichkeiten unter, die alle ihren Beitrag zum Fortschritt der Menschheit geleistet haben, derer heute aber allenfalls noch in engen Fachkreisen gelegentlich gedacht wird. Luke Howard heißt der Mann, dem Autor Richard Hamblyn mit seiner romanhaften Studie "Die Erfindung der Wolken", aus dem Englischen von Ilse Strasmann übersetzt, ein Denkmal setzt und den er so dem kollektiven Vergessen entreißt.

Mit 30 Jahren schickt sich eben dieser Luke Howard, ein englischer Chemiker, an, sein großes Hobby, die Meteorologie, etwas professioneller zu betreiben. Er hält vor einem kleinen Kreis wissenschaftlich interessierter Londoner Bürger einen Vortrag mit dem Titel "Über die Modifikation der Wolken". Dieser Vortrag schlägt ein wie ein Bombe: Man ist sich einig, dass der ambitionierte junge Wissenschaftler der Menschheit einen großen Dienst erwiesen hat, in dem er die Wolken klassifizierend benannte und sie gemäß ihrer Fähigkeit zur Veränderung in Gruppen einteilte. Die Wissenschaft von den Wolken, die Nephologie, war geboren.

Aus heutiger Sicht mag der Aufruhr um eine solche Arbeit und das Europaweite Interesse, das ihr entgegen gebracht wurde, vielleicht etwas bizarr anmuten. Was war denn schon geschehen? Die Wolken waren den bekannten Begriffen Cirrus, Cumulus, Stratus, Cirro-cumulus, Cirro-stratus, Cumulo-stratus und Nimbus zugeordnet worden. Um verstehen zu können, was dieser Vorgang für die Menschen an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert bedeutete, bedarf es etwas mehr, als der bloßen Fakten.

Hier setzt Autor Richard Hamblyn an: Er liefert eine Detail genaue Milieustudie über die Verfasstheit der europäischen Gesellschaft vor etwa 200 Jahren, über Entwicklungen in der Wissenschaft und der Kunst. Es gelingt ihm, zu zeigen, wie die einfache Benennung tatsächlich einer Erfindung der Wolken gleichkam und die Menschheit um etwas Neues bereicherte. Naturwissenschaft war zur damaligen Zeit hoch im Kurs. Das klassifizierende in Begriffe fassen der Dinge erschien als die Möglichkeit schlechthin, die Welt dem Menschen verfügbar zu machen und damit des Menschen herausragende Position unter den Lebewesen zu bestätigen. Auch die Kunst ging eine enge Symbiose mit den Wissenschaften ein und besonders die Dichtung, deren Rohmaterial bekanntlich Begriffe sind, setzte auf den Fortschritt von Physik, Biologie und Chemie, um sich aus dem Fundus neuer Bezeichnungen und Klassifikationen bedienen zu können. So sah sich sogar Johann Wolfgang von Goethe angesichts der neuen Systematik in Luke Howards Forschung zu den lobenden Fersen hingerissen: "Drum danket mein beflügelt Lied / Dem Manne der die Wolken unterschied."

Richard Hamblyn gelingt es, die verschiedenen Geistesströmungen, die sich durch die Benennung der Wolken bereichert sahen, untereinander in Beziehung zu setzen. Weder spielt er naturwissenschaftliche Exaktheit gegen die Freiheit der Künste aus, noch stellt er eine der Beiden über die Andere. Richard Hamblyn zeigt, wie Wissenschaft und Kunst in der Menschheitsgeschichte in fruchtbarer Verbindung standen und sich gegenseitig bedingt haben. Damit stellt er seinen Anspruch in eine Reihe mit den großen Geistestheoretikern des 18. und 19. Jahrhunderts, allen voran G. W. F. Hegel, deren Ziel es war, in der Geschichte der Menschheit ein ausgleichendes, nach vorne strebendes Prinzip auszumachen.

Der Versuch, ein solches ganzheitliches Denken wieder aufzunehmen und für die heutige Zeit verfügbar zu machen, verdient durchaus Aufmerksamkeit. Mit "Die Erfindung der Wolken" ist es Richard Hamblyn gelungen, diese Geisteshaltung in eine spannende Geschichte zu packen, der Aufmerksamkeit zu zollen, ein sehr anregendes Erlebnis ist!

Autorenportrait:

Richard Hamblyn, geboren 1966, Ph. D., unterrichtet an den Universitäten London, Cambridge und Essex. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zur Wissenschaftsgeschichte.

Die Erfindung der Wolken

Richard Hamblyn

Die Erfindung der Wolken

Wie ein unbekannter Meteorologe die Sprache des Himmels erforschte

Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main

ISBN 3-518-45527-3

1. Auflage, 308 Seiten, mit zahlreichen s/w-Abbildungen, Taschenbuch.

Unverbindliche Preisangabe: € 10.- (D) / € 10,30 (A) / sFr 18,50

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Die Erfindung der Wolken

Richard Hamblyn

Die Erfindung der Wolken

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