Der andere Sohn
Ein psychologischer Roman um einen totgeglaubten Zwillingssohn
(gjk).
In ihrem Roman „Der andere Sohn" schildert Autorin Brigitte Blobel eindringlich
die psychologischen Entwicklungsstadien einer Frau, die von einem Trauma heimgesucht
wird: Dem glücklichen Leben von Marthe Brandt sollte eigentlich nichts
fehlen, schließlich wird sie von ihrem Mann Paul nach zwei Jahrzehnten
Ehe immer noch genauso geliebt wie am Anfang, der gemeinsame Sohn Max ist erwachsen
und unabhängig. Das norddeutsche Moorkaten, der Ort, in dem Marthe mit
ihrem Mann zusammenlebt und den Brigitte Blobel äußerst authentisch
beschreibt, scheint vielleicht etwas langweilig, aber im Grunde ist darüber
auch nicht zu klagen.
Doch über dem täuschend idyllischen Glück liegt schon seit langer Zeit ein Schatten: Max' Zwillingsbruder Moritz wurde per Kaiserschnitt tot auf die Welt geholt. Marthe, die ihren verstorbenen Sohn niemals zu Gesicht bekam, glaubt insgeheim, er sei am Leben. Gedankenverloren passiert es ihr im Alltag immer wieder, dass sie den Tisch für Moritz mitdeckt, ihm einen Geburtstagskuchen backt und sogar Gespräche mit ihm führt. Diese Vorfälle werden von der Familie als „Unsinn" abgetan und so weit es geht totgeschwiegen. In ihrer Traumwelt schenkt Marthe dem anderen Sohn Moritz ihre gesamte Liebe, während sie Max vernachlässigt. Dieser weiß genau, dass seine Mutter den toten Zwilling mehr liebt als ihn und wird ihr zunehmend fremder. Nur zu seinem Vater und seinen Großeltern baut Max eine engere Beziehung auf.
Eines Tages trifft Marthe beim Einkaufen einen jungen Mann, von dem sie überzeugt ist, er sei Moritz. „Ein Wesen aus Wärme und Licht", so stellte sie sich ihren anderen Sohn immer vor, gebildet, gut aussehend und einfühlsam. Von dieser schicksalhaften Begegnung bewegt, versucht sie, ihrem Mann und ihrer Mutter mitzuteilen, was passiert ist, doch die Reaktionen sind voraussehbar: „Ach, hör doch auf. In was spinnst du dich da wieder rein! Ich hab keine Lust, mir den Blödsinn anzuhören!" Das Unglück, auf das Marthe durch die Bekanntschaft mit dem tot geglaubten Moritz zusteuert, lässt sich nicht aufhalten: Sie gibt dem Bedürfnis immer stärker nach, dem wieder gefundenen Sohn all das zu geben, was ihm verwehrt geblieben ist, zu allererst ihre Liebe ...
Brigitte Blobels Erzählweise in „Der andere Sohn" ist durch die Kürze der Sätze sehr eindringlich und sensibel. Sie nimmt eine objektiv beobachtende Perspektive ein, von der aus alle Positionen beleuchtet werden, die innerhalb des Gefüges aus unterdrückten Emotionen, enttäuschten Erwartungen und nicht rückgängig zu machender Zeit entstehen. Schleichend durchzieht die nicht vermeidbare Katastrophe den gesamten Handlungsverlauf. Die Liebe in ihren verschiedenen Weisen, auch in ihren Abarten, und das Unverständnis einer Gesellschaft gegenüber kleinsten Abweichungen von der Norm sind das Thema dieses psychologischen Romans, der durch seine Subtilität besticht. Beim Lesen von Brigitte Blobels Roman verliert man sich immer wieder in dem Zwiespalt, ob man die Seite der wirklichkeitsfremden Marthe, mit der man gemeinsam die Tragik des vergangenen Verlustes durchleidet, oder der wirklichkeitsnäheren Figuren ergreifen soll – in beiden Fällen liest man gierig eine Seite um die andere.
„Der andere Sohn" ist ein durch und durch ergreifender und beeindruckender Roman!
Autorenportrait:
Brigitte Blobel, 1942 in Hamburg geboren, gehört zu den erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen. Neben ihren Bestsellerromanen, wie „Die Liebenden von Son Rafal", schreibt sie Jugendbücher, die mehrfach ausgezeichnet und in 14 Sprachen übersetzt wurden, und Drehbücher für Film und Fernsehen.
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Brigitte Blobel
Der andere Sohn Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin ISBN 978-3-548-26244-4 1. Auflage, 336 Seiten, Taschenbuch. Unverbindliche Preisangabe: € 8,95 (D) / € 9,20 (A) / sFr 16,90 |
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