Corpse de Ballet

Ein Neun-Musen-Krimi: Terpsichore

Corpse de Ballet(bhs). Und wieder ein Krimi? Ein Buch zum Thema Ballett? Nein. „Corpse de Ballet“ von Autorin Ellen Pall ist eine brillante Mischung aus beidem. Schon auf der ersten Seite zeigt sich der intelligente, schwarz angehauchte Witz der Autorin, als sie in der Einführung fragt, „wer von uns nicht schon manch glückliche Stunde damit verbracht habe, die diskrete Entsorgung eines überflüssigen Kollegen zu planen...“ mitsamt „harmlosen Gedanken an ein Schafott, eine Rasierklinge, ja sogar eine Bärenfalle. Ein günstiger Zug und ein sanfter Stoss...“ – doch, nein, letztlich rät sie davon ab. Das Zwischen-den-Zeilen-Schreiben, die hintergründige Ironie und kluge Formulierungen ziehen sich jedoch durch ihren gesamten Roman.


Hauptperson ist Juliet. Eine zuweilen schreibunlustige, kreative, kluge und wohlhabende Autorin, die zeitgleich mit Selbstkritik, aber auch Zynismus besticht. Ein Bauchgefühl lenkt sie, als sie der Freundin zusichert, ihr bei der Choreographie einer imposanten Ballettaufführung zu helfen. Eigentlich versteht sie nichts von Klassischem oder Modernem Tanz, und doch ist sie fasziniert. Als Autorin von historischen Romanen weiß Juliet Bodine zudem, wie man Geschichten bildhaft macht. Alles Gründe, der Freundin im Balletthaus zu helfen, zumal sie ohnehin wenig Lust hat, an ihrem Buch weiter zu arbeiten.


Im Team der Tänzer herrscht hintergründige Missgunst, Intrige und Eifersucht. Die Gier der Macht ist so groß, dass ein Anschlag erfolgt – der Star des Ensembles stirbt. Doch es geht noch weiter und gemeinsam mit der New Yorker Polizei ist Juliet plötzlich einem Mörder auf der Spur. Erfolgreicher allerdings, als die Berufsdetektive... . Nicht nur ideenreich zeigt sich Ellen Pall mit der Tanzbühne als Krimihintergrund: Ausführliche Details zeugen von guter Recherche, von obskuren Medikamenten bis hin zu seltsamen Mitteln für Anschläge: Denn wer kommt schon auf mit Lidschatten gefärbtes Talkum im Kolophonium als Mordwaffe?!


Der Leser gerät ins Grübeln und sobald er auch nur im Ansatz eine Idee hat, wer aus detektivischer Sicht der Halunke ist, wird er enttäuscht – und begeistert: Die plötzliche Wende kommt im Nu und immer wieder, bis sich das Motiv zuletzt als menschlich erweist, der Täter überführt wird; das Ende ein Stück weit lapidar wirkt und nichts als herben und genüsslichen Humor zeigt, wenn Juliet mit ihrer Freundin auf dem Balkon sitzt, Fuji-Äpfel verspeist und von der Autorin der Ausblick auf den kleinen Balkon der Nachbarn beschrieben wird, auf dem der Selbstmörder verendet wäre, wenn dieser eben nicht so klein und durch Markisen geschützt wäre... .

Anschaulich, schnörkellos, aber mit gehobenem Sprachstil, aus dem Amerikanischen von Tatjana Kruse übersetzt, zieht Ellen Pall in „Corpse de Ballet“ den Leser in den Bann. Ihr Humor inmitten des ernsten Mordfalls ist nicht plakativ oder plump, sondern in eine charmante Ironie verpackt. Kluge Beschreibungen von Menschen, die sich eben nicht anschweigen, sondern in die „Sackgasse ihrer Unterhaltung zurückkehren“, sich in „blickdichten Egowolken bewegen“ werden nicht einfach erzählt, sondern in Worte gehüllt, mit Wortfindungen bestückt, ohne zu beschreiben oder wohlmöglich zu langweilen. Der Krimi als solches beginnt erst auf Seite 50. Doch die Geschichte der Frauenfreundschaft, die sich bis hier hin zeigt, die Hintergrundinformationen und der Wortwitz sind derart spannend gestaltet, dass man es nicht einmal bedauert.


„Corpse de Ballet“ ist ein selten intelligentes, kurzweiliges und spannendes Buch, welches rasend schnellen Wandel birgt – und ebenso schnell verschlungen wird, wenn man es erst einmal in den Händen hält!


Autorenportrait:
Ellen Pall hat unter ihrem Pseudonym Fiona Hill zahlreiche historische Romane veröffentlicht. „Corpse de Ballet“ ist ihr erster Kriminalroman. Als freie Journalistin schreibt sie unter anderem für die „New York Times“. Sie lebt mit Mann und Sohn in Manhattan.

Corpse de Ballet

Ellen Pall
Corpse de Ballet
Ein Neun-Musen-Krimi: Terpsichore
Aus dem Amerikanischen von Tatjana Kruse
Scherz Verlag, Frankfurt am Main
ISBN 3-502-51989-7
Deutsche Erstausgabe 2004, 318 Seiten, Taschenbuch.
Unverbindliche Preisangabe: € 7,90 (D) / € k. A. (A) / sFr k. A.

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