Weltgeschichte
Von den Anfängen der Menschheit bis zum Ende des Ostblocks
(jaf).
Ein bisschen steht es in der Tradition von Jostein Gaarders Jahrhundertwurf
„Sofies Welt“. Während dieser auf wenigen Hundert Seiten
ebenso informativ wie Jungleser-gerecht die komplette Ideengeschichte der Philosophie
abhandelte, versucht Manfred Mai nun ein ähnliches Großprojekt unter
dem Titel „Weltgeschichte“. Und um selbige geht es natürlich
auch. Manfred Mai beherrscht diese Kunst und zwar mit Bravour! Auf gerade
einmal rund 200 Seiten „rast“ der Autor mit annährender Lichtgeschwindigkeit
von den Anfängen der Menschheit bis zu den Entwicklungen nach dem Ende
des Ostblocks.
So manchen Historiker würde es angesichts eines derartigen Mutes zur Aussparung bestimmt schütteln, auch Manfred Mai muss zugeben: Das Buch „erzählt nur von den wichtigsten Ereignissen, Personen und Entwicklungen, und auch das in einer Kürze, die mir mitunter gewagt erscheinen“. Doch fürs große Fachpublikum ist die „Weltgeschichte“, geschrieben aus einer dezidiert deutschen Perspektive, ohnehin nicht konzipiert, sondern insbesondere für jugendliche Leser ab 12 Jahren und solche, die schnell und unkompliziert so manche Bildungslücken füllen möchten.
In der Kürze scheint demnach für Manfred Mai eine feurige Würze zu liegen: In fünf Sätzen wird die Kuba-Krise erklärt, für das Phänomen des Imperialismus braucht der Autor lediglich zwei, der Nahost-Konflikt passt auf gerade drei Seiten, der Erste Weltkrieg die „Mutterkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ auf nicht einmal sechs, ebenso die französische Revolution. Natürlich ist für Details kein Raum, dennoch bewältigt es der Autor mühelos, eine Gesamtschau der Ereignisse vorzustellen, ohne dass Grundsätzliches fehlt. Kontroversen in der Forschung werden verständlicherweise ebenso wenig dargestellt; aber zwischen den Zeilen wird durchaus darauf verwiesen, dass sich hinter manchen Ereignissen ein ganzer Rattenschwanz von Interpretationen verbirgt: „Der Holocaust an den europäischen Juden lastet auf Deutschland, unabhängig von der Frage, was genau und wie viel Einzelne darüber wussten“ oder „Später hieß es, niemand habe den Krieg (1. Weltkrieg, Anm. d. Red.) wirklich gewollt, die ’Männer und Mächte’ seien in ihn ’hineingeschlittert’. Alle diese Vokabeln wollen sagen, dass die ’großen Männer’ sich nicht unter Kontrolle hatten und für diese Ansicht gibt es gute Gründe. Es gab und gibt aber auch Stimmen, die diese Sicht nicht gelten lassen und manchen ’großen Männern’ unterstellen, sie hätten sehr genau gewusst, was sie taten. So schrieb etwa der deutsche Historiker Fritz Fischer in seinem Buch „Der Griff nach der Weltmacht“, der Mord von Sarajewo seit für die deutsche Führung die „große Gelegenheit zum lange vorbereiteten Krieg gewesen“.
Ob Hochkulturen am Indus, die Karolinger, Kreuzzüge, Glaubenskriege, Absolutismus, Amerika-Auswanderungen, große Geister, Napoleon, die Industrielle Revolution, Marxismus, Kolonialismus, Hitlers Rassenwahn, die Dritte Welt oder der Kalte Krieg für jedes einzelne und an sich eigentlich so komplexe Thema findet Manfred Mai ebenso aussagekräftige wie prägnante Worte, die den Sachverhalt trotz der Kürze im Wesentlichen präzise und vor allem leichtverständlich darstellen.
Obwohl „Weltgeschichte“ kein Buch mit wissenschaftlichem Anspruch ist, wären Fußnoten für die Belegung von zentralen Zitaten oder zur tiefer gehenden Information durchaus hilfreich gewesen auch für junge Leser. Dennoch: Geschichte wird außerordentlich kurzweilig dargestellt, mitunter illustrieren zeitgenössische Abbildungen und Fotografien leider überwiegend nur im Kleinformat die beschriebenen Ereignisse. Das Buch ist wirklich nicht zu Unrecht für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2003 nominiert worden.
Langeweile kommt beim Lesen der „Weltgeschichte“ bestimmt nicht auf!
Autorenportrait:
Manfred Mai, geboren 1949 im schwäbischen Winterlingen, zählt zu den
bekanntesten deutschen Jugendbuchautoren. Er hat Geschichte und Deutsch studiert
und unterrichtet, bevor er sich ganz für das Schreiben entschied. Er ist
außerdem Autor von „Lesebuch
zur Weltgeschichte“.
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