Vorher und Nachher
Lebenserinnerungen von Paul Gauguin
(sl). Dem Verlag sei das größte Kompliment gemacht: Unüberarbeitet ist ein Buch erschienen, das an Ausstrahlung verloren hätte, wäre jemand auf die Idee gekommen, die Übersetzung von 1920 „einzudeutschen“. Die Rede ist von Paul Gauguins Lebenserinnerungen „Vorher und Nachher“. Angereichert mit zahlreichen schwarzweißen Skizzen des Malers strahlt das Buch eine Authentizität aus, die ihresgleichen sucht.
Paul Gauguin verstarb am 8. Mai 1903 im Alter von nur 55 Jahren. Sein 100. Todestag war Anlass, sich an diesen wahren Schatz zu erinnern und seine Lebenserinnerungen in neuer Ausstattung zu veröffentlichen. Erik-Ernst Schwabach ist 1920 die Kunst gelungen, Paul Gauguins Worte behutsam aus dem Französischen zu übertragen, ohne sie zu verbessern. Denn Paul Gauguin starb nur sechs Wochen nach Fertigstellung des Manuskriptes von „Vorher und Nachher“, ohne es überarbeitet zu haben. Er hat nicht verfügt, ob es veröffentlicht werden sollte, und so tat der Übersetzer gut daran, dem Autor nicht „ins Handwerk zu pfuschen“.
Eben genau diese ungefilterten Worte sind es, die so faszinieren, auch wenn es manches Mal etwas holperig klingen mag. Doch das Bewusstsein, den „echten“ Paul Gauguin auf diese Weise kennen zu lernen und Einblick in die Epoche um die Jahrhundertwende zu bekommen, nimmt einen von der ersten Seite an gefangen. Fast meint man, den Maler unter einer Palme in der typischen Südsee-Idylle sitzen zu sehen und seinen Erinnerungen zu lauschen. Tragisch ist, dass Paul Gauguin selbst diese Idylle fremd war, das gesuchte Paradies in der Südsee nie fand.
„Vorher und Nachher“ ist keine chronologische Aneinanderreihung von Erinnerungen aus einem bewegten Leben. Paul Gauguin springt hin und her, erzählt von seinen Jugendjahren in Lima und von seinen Aufenthalten in der Bretagne und auf Martinique. Er lästert über seine künstlerischen Kollegen Camille Pissarro, der ihn Anfangs in seiner Malerei stark beeinflusste, und Edgar Degas. Er erzählt von der Begegnung mit Vincent van Gogh und dem unerfreulichen Ende der geplanten künstlerischen Partnerschaft. Und er berichtet von seinen Fahrten zur See all das in einer Lebendigkeit, ja manchmal so gar so offen und direkt, dass man immer wieder überrascht ist.
Paul Gauguin gehört zu den aus dem Impressionismus hervorgegangenen Malern, dessen Bilder den größten Einfluss auf die Kunst des 20. Jahrhunderts ausübten. Er begann nur zu malen, weil er einen Ausgleich zu seinem Beruf als Börsenmakler suchte. Als er seine Stellung verliert, versucht er ganz von der Malerei zu leben. Doch als Vater mit fünf Kindern gerät er schnell in finanzielle Schwierigkeiten, seine Frau Mette, eine Dänin, zieht schließlich mit den Kindern zu ihrer Familie nach Kopenhagen. Paul Gauguin folgt, kann sich aber in Dänemark nicht einleben und geht schließlich in die Bretagne, stets in der Hoffung, den künstlerischen Durchbruch zu schaffen und endlich Geld zu verdienen. Zorn und Trauer mischen sich immer wieder in Paul Gauguins Erinnerungen, wenn von seiner Ehe schreibt und den Verlust seiner Kinder bedauert, die er nach der Trennung nicht mehr sieht. Nachdem er sich Geld durch den Verkauf einiger Bilder auf einer Auktion verschafft hat, fährt er das erste Mal nach Tahiti.
Später zieht er auf die Insel Hiva-Oa in der Marquesas-Gruppe, wo er beginnt, bereits von Krankheit geschwächt, seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben. „Ich wollte kein Buch schreiben, das irgendwie nur den geringsten Anspruch darauf machte, ein Kunstwerk zu sein. (Ich könnte es nicht.) Aber als Mensch, der über viele Dinge, die er in aller Welt, der zivilisierten und der barbarischen Welt sah, hörte und las, unterrichtet ist, wollte ich in aller Ungeschminktheit, ohne Furcht und ohne Scham … alles dies schreiben.“ es ist ihm gelungen, und wie!
„Vorher und Nachher“ bietet dem Leser die Möglichkeit, Paul Gauguin so kennen zu lernen, wie er wirklich war und ist für jeden Kunstinteressierten Leser eine Bereicherung!
Autorenportrait:
Paul Gaugin, geboren am 7. Juni 1848 in Paris, fuhr als junger Mann zunächst zur See und war dann als Börsenmakler und Spekulant erfolgreich. Mit der Malerei beschäftigte er sich zunächst nur als Hobby. Erst als Camille Pissarro sein Talent erkannte und ihn im Sinne des Impressionismus beeinflusste, widmete er sich ganz der Malerei und ging 1886 in die Bretagne. Es folgten Reisen nach Panama und Martinique, wo er betont flächig zu malen begann und jenen Stil fand, der sein Werk unverwechselbar gemacht hat. Für kurze Zeit folgte er Vincent van Gogh nach Arles, um gemeinsam mit ihm eine neue Malerei zu schaffen. Es kam jedoch zu Spannungen, und der französische Maler, Grafiker und Bildhauer kehrte zurück in die Bretagne, wo die wohl besten Bilder dieser Lebensphase entstanden. Seine künstlerische Entwicklung bereitete, angeregt von Paul Cézanne und Vincent van Gogh, in einer flächenhaften Bildform mit festen Konturen und meist homogenen Farben den Expressionismus vor. Zur Verwirklichung einer lange geplanten Reise in die Südsee verkaufte er seine Bilder auf einer Auktion. Ab 1891 schuf er auf Tahiti seine heute weltberühmten Bilder, die sich durch betonte Flächenhaftigkeit und expressive Farbigkeit auszeichnen. Seine Arbeiten sind Gemälde, Holzschnitte und Lithographien mit meist exotischen Motiven in starker Farbigkeit. Wegen finanzieller Schwierigkeiten musste er bereits 1893 wieder nach Frankreich reisen, versteigerte wiederum seine Werke und kehrte 1895 für immer in die Südsee zurück. Dort lebte er in bewusster Abwendung von der modernen Zivilisation. Paul Gaugin starb völlig verarmt am 8. Mai 1903 in La Dominica auf den Marquesasinseln.
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