Tintenherz
Von der Zauberkraft des Vorlesens und über die Faszination von Büchern
(sl).
Mit Spannung wurde der neue Roman von Cornelia Funke erwartet, nun ist er da,
und das Warten hat sich gelohnt. Kaum zu glauben, dass sich die Autorin nach
ihrem letzten sensationellen Erfolg von „Herr
der Diebe“ noch steigern konnte, aber Cornelia Funke hat
sich mit Bravour selbst übertroffen: „Tintenherz“ ist die mit
Abstand beste Neuerscheinung des Jahres und dürfte endgültig klarstellen,
dass nicht England die beste Kinderbuchautorin hat, sondern wir!
Eines Nachts sieht die 12-jährige Meggie im Hof eine dunkle Gestalt stehen und holt ihren Vater. Mo, wie Meggie ihren Vater, den „Bücherarzt“, nennt, kennt den Fremden namens Staubfinger. Doch Meggie wird das merkwürdige Gefühl nicht los, dass mit Staubfinger etwas Bedrohendes in ihrem Leben Platz nimmt. Sie belauscht das Gespräch der beiden Männer. Staubfinger nennt ihren Vater Zauberzunge und warnt ihn vor Capricorn, der hinter einem Buch her ist, das sich in Mos Besitz befindet. Und Meggie behält recht: Ihr Leben soll sich von Grund auf ändern, denn schon am frühen Morgen packt Mo in Windeseile alle Sachen zusammen und sagt, dass sie zu Tante Elinor fahren werden. Obwohl Mo seiner Tochter sonst alles erklärt, hüllt er sich in Schweigen und will nicht weiter über den nächtlichen Besucher reden und erstrecht nicht erklären, warum er Zauberzunge genannt wird oder was es mit dem geheimnisvollen Buch auf sich hat. Doch Staubfinger bemerkt ihre überstürzte Abreise und lässt sich nicht abschütteln. Also nimmt Mo auch ihn mit zu Tante Elinor.
Elinor wohnt in einem riesigen Haus, das voll mit den kostbarsten Büchern steht. Sie ist die Tante von Meggies Mutter, die verschwand, als Meggie drei Jahre alt war. Meggie, die kleine Büchernärrin, fühlt sich sofort zuhause, doch Elinor, die ihre Bücher als ihre Kinder bezeichnet, hält nichts von kleinen Mädchen, die Bücher durcheinander bringen oder beschädigen könnten und ist ziemlich ruppig zu Meggie. Mo ist dagegen ein willkommener Gast, denn als Buchbinder kann er sich endlich um Elinors wertvolle Bücher kümmern. Aber Mos Besuch hat einen anderen Hintergrund: Er bittet Elinor das besagte Buch, das Capricorn haben will, zu verstecken.
Doch dann überschlagen sich die Ereignisse in Elinors Haus: Staubfinger verrät Mo an Capricorn. Schwarz gekleidete Männer, Capricorns Männer, dringen nachts in das Haus ein, bringen das Buch an sich und nehmen auch Mo mit. Und plötzlich ist Meggie mit der unfreundlichen Tante Elinor allein. Staubfinger verschwindet, kehrt dann aber wieder zurück, um Meggie zu Mo zu bringen. Die resolute Elinor lässt sich nicht davon abbringen mitzukommen, und abermals stellt der undurchsichtige Staubfinger eine Falle, in die diesmal Meggie und Elinor tappen.
Staubfinger bringt die beiden in ein verfallenes ligurisches Bergdorf, in dem Capricorn mit seinen Männern und ein paar Mägden haust. Hier treffen sie Mo in einer Zelle wieder, und hier erzählt er seiner Tochter und Elinor endlich von dem Geheimnis: Warum er Zauberzunge genannt wird, warum er Meggie nie vorgelesen hat und was wirklich mit ihrer Mutter passiert ist, was es mit dem Buch auf sich hat, das den Titel „Tintenherz“ trägt und wer Capricorn und seine Männer sind. – Und der Leser kommt aus dem Staunen kaum heraus, was Cornelia Funke sich da für ihren Roman so alles hat einfallen lassen: Mo hat die Fähigkeit Dinge aus Büchern herauszulesen, doch dafür verschwinden andere in das Buch. Leider kann Mo diese Fähigkeit nicht kontrollieren, und deswegen verschwand auch Meggies Mutter – in das Buch „Tintenherz“, das so heißt, „weil es von jemandem handelt, dessen Herz schwarz vor Bosheit ist“, und Capricorn, der Bösewicht, kam dafür heraus und auch Staubfinger. Capricorn will, dass Mo ihm weitere Freunde aus „Tintenherz“ herausliest, Staubfinger will, dass Mo ihn wieder in „Tintenherz“ hineinliest, denn er mag diese Welt nicht und will zurück zu den Feen und Kobolden in seinem Buch. Und so nimmt die Spannung auf fast 600 Seiten nicht ein einziges Mal ab.
Was noch alles passiert, ob Mo aus „Tintenherz“ vorliest, was mit Elinor und ihrer kostbaren Bibliothek geschieht, ob der Autor von „Tintenherz“, Fenoglio, zur Rettung vor Capricorn beitragen kann, und was aus Meggies Mutter wird, sei hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: Fangen Sie „Tintenherz“ an einem Freitag an zu lesen, denn Sie werden das Buch das ganze Wochenende über nicht aus der Hand legen können!
Cornelia Funke hat die Charaktere in ihrem Buch mit viel Liebe zum Detail ausgefeilt. Mo, der herzensgute und liebevolle Vater, den man sich als Vorbild für viele andere Väter wünscht, und auch Meggie, obwohl sie für eine 12-Jährige etwas zu brav ist und von pubertären Anwandlungen, die Mädchen in ihrem Alter sonst haben, so gar nichts zu merken ist. Am besten ist der Autorin jedoch Elinor gelungen, Meggies so herrlich verschrobene Tante, über die man sich immer wieder köstlich amüsieren kann.
Jedes Kapitel leitet Cornelia Funke mit einem Zitat aus einem Buch anderer Autoren ein. Zwar werden Kinder nicht unbedingt die Bedeutung zwischen den Zeilen herauslesen, doch weckt die Autorin damit vielleicht auch die Lust, manch anderes Buch zu lesen. Zahlreiche schwarzweiß Illustrationen der Autorin und der von ihr wunderschön gestaltete Einband machen „Tintenherz“ auch optisch zu einem Vergnügen.
„Bücher müssen schwer sein, weil die ganze Welt in ihnen steckt“ – Cornelia Funkes „Tintenherz“ ist schwer: Schwer vom Gewicht her, weil es sehr umfangreich ist, aber für jüngere Leser dürfte der Roman wirklich schwer sein, denn es kommen neben all den schönen phantastischen Dingen auch Brandschatzung und Raub, Entführung und Morddrohungen darin vor. Ich persönlich würde „Tintenherz“ daher erst für Kinder ab 12 Jahren empfehlen. Doch „Tintenherz“ ist nicht nur ein überaus spannender Abenteuerroman – für Erwachsene ist es viel mehr: Ein Buch, in dem sich jeder Mensch, der Bücher liebt, wieder entdecken wird und das deutlich macht, dass es an der Zeit ist, unseren Kinder das wertvollste, was es auf der Welt gibt, nahezubringen: Bücher. „Bücher waren der einzige Ort, an dem es Mitleid, Trost, Glück gab … und Liebe. Bücher liebten jeden, der sie aufschlug, schenkten Geborgenheit und Freundschaft und verlangten nichts dafür, gingen nie fort, niemals, selbst dann nicht, wenn man sie schlecht behandelte.“ – wie wahr, Cornelia Funke, und wie schön, solch weise Worte geschrieben zu sehen, auf dass sie jeder Leser in sein Herz schließt!
Wer seinem Kind „Tintenherz“ zu lesen gibt, kann sich auf manche Veränderung einstellen: Viele werden sicherlich eine Bücherkiste wie Meggie haben wollen, in der sie ihre Lieblingsbücher mitnehmen können, denn „„Wenn du ein Buch auf eine Reise mitnimmst“, hatte Mo gesagt, als er ihr das erste in die Kiste gelegt hatte, „dann geschieht etwas Seltsames: Das Buch wird anfangen, deine Erinnerungen zu sammeln. Du wirst es später nur aufschlagen müssen und schon wirst du wieder dort sein, wo du zuerst darin gelesen hast. Schon mit den ersten Wörtern wird alles zurückkommen: die Bilder, die Gerüche (…). An nichts haften Erinnerungen so gut wie an bedruckten Seiten.““ Doch die meisten Kinder werden anfangen, jedes Buch laut zu lesen oder Sie zu bitten, laut vorzulesen, in der stillen Hoffnung, der Vorleser habe eine Zauberzunge.
„Manche Bücher müssen gekostet werden, / manche verschlingt man, / und nur einige wenige kaut man / und verdaut sie ganz.“ Cornelia Funkes „Tintenherz“ verschlingt man, man kann es einfach nicht aus der Hand legen und fast möchte man meinen, die Autorin sei eines der Wesen, die in ihrem Roman vorkommen, eine Fee oder ein kleiner Kobold, auf jeden Fall jemand, der es einfach schafft, den Leser ab der ersten Seite gefangen zu nehmen. Gefangen in das schönste Gefängnis, das man sich als Leser vorstellen kann, gefangen in einem Buch. Und erst nach dem allerletzten Satz lässt einen Cornelia Funke wieder frei – für einen kurzen Moment, denn dann fängt man an, „Tintenherz“ erneut von vorne zu lesen und all die kleinen Feinheiten, die zwischen den Zeilen stecken, noch mal herauszulesen, um sie sich genussvoll auf der Zunge zergehen zu lassen.
„Wenn du dann das Buch aufschlägst, ist es wie im Theater: Erst ist da der Vorhang. Du ziehst ihn zur Seite, und die Vorstellung beginnt.“ Cornelia Funkes Roman ist eine grandiose und phantastische Vorstellung – „Tintenherz“ wird jedem Leser das Herz aufgehen lassen und hat sich schon jetzt einen Platz unter den Klassikern der Kinderliteratur erobert!
Autorenportrait:
Cornelia Funke, eine der bekanntesten deutschen Autorinnen von Kinder- und Jugendliteratur,
hat erst nach einer Ausbildung zur Diplom-Pädagogin und einem anschließenden
Grafikstudium angefangen zu schreiben. Texte zu Bilderbüchern, Bücher
zum Vorlesen, für Leseanfänger und Leseratten entstanden und wurden
zum größten Teil auch von ihr selbst illustriert; einige ihrer Romane
sind Familienbücher im besten Sinne. Viele ihrer Bücher sind preisgekrönt
und auch internationale Bestseller, wie ihr bisher berühmtestes Buch „Herr
der Diebe“, das in mehr als 20 Sprachen übertragen und
verfilmt wurde. „Tintenblut“
ist der zweite Band der Tintenwelt-Trilogie. Cornelia Funke lebt mit Mann, zwei
Kindern und Hündin Luna am Stadtrand von Hamburg.
© Copyright by: Public Dialog Hamburg