Theos Reise
Roman über die Religionen der Welt
(tj). Als 1998 „Theos Reise“ von Catherine Clément erschien, wurde es vom Großteil der Leser und Rezensenten begeistert aufgenommen und mit dem Buch „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder verglichen. Nicht zu unrecht, denn beide Bücher sind prominente Vertreter eines neuen Genres, nämlich dem Sachbuch-Roman. Dessen Faszination besteht darin, dass große Stoffe wie etwa die Geschichte der Philosophie bei „Sofies Welt“ oder eben die Weltreligionen bei „Theos Reise“ in eine spannende und unterhaltsame Geschichte verwoben werden. Somit beschäftigt sich plötzlich ein breit gefächertes Millionenpublikum von Lesern mit Themen, die vorher eher Experten vorbehalten waren oder als schwierig und trocken galten.
Einen Überblick über die Weltreligionen zu geben, ist allerdings ein gewaltiges Unterfangen, und so schickt Autorin Catherine Clément ihren Helden Theo, einen aufgeweckten und auch schwierigen 14-jährigen Jungen, der unheilbar krank zu sein scheint und deswegen von seiner etwas skurrilen Tante Marthe auf eine Reise mitgenommen wird, damit ein Weg der Heilung gefunden werden kann, in über zwanzig verschieden Orte auf fast allen Kontinenten der Erde. Hier beginnt auch das Problematische des Vorhabens: Der Anspruch, allen wichtigen Weltreligionen gerecht zu werden, ist auf etwa 700 Seiten kaum möglich. Es bleiben pro Reiseziel im Durchschnitt 35 Seiten, um das aktuelle Thema darzustellen. Bedenkt man nun, dass ein guter Teil des Textes für das Weiterführen der Geschichte und die Beschreibung der handelnden Personen benötigt wird, bleiben die konkreten Informationen zu den jeweiligen Religionen mitunter dürftig. Doch auch der Leser, der eher spannend unterhalten werden möchte, kommt nicht ganz auf seine Kosten. Zu atemlos hasten die Hauptpersonen durch die Geschichte, es bleibt zu wenig Zeit, um Entwicklungen der Charaktere und daraus resultierende Spannungen zu skizzieren, was ja Hauptanliegen eines Romans wäre. Dabei gäbe es hierfür durchaus Stoff: So kommt die sonst so souveräne Tante Marthe im Schlussteil des Buches in eine Krise. Sie wird zur hilflosen Helferin, und der oft so kleine, kranke und unwissende Theo wächst neben ihr, wird mehr zu einem gleichberechtigten Gegenüber. Doch dieser interessante Wandel in der Beziehung der Beiden kann leider nur angedeutet und nicht weiter ausgeführt werden.
Dennoch ist das von Uli Aumüller und Tobias Scheffel aus dem Französischen übersetzte Buch lesenswert und nützlich: Vor allem Jugendlichen, aber auch interessierten Erwachsenen kann es als erster Reisebericht in das Thema der Religionen dienen. Der große Bogen, den die Autorin spannt, schafft trotz notwendiger Knappheit einen guten Überblick. Zusätzlich bekommt der Leser ein großes Spektrum von unterschiedlichen Herangehensweisen an das Thema Krankheit und deren Heilung. Auch wenn dies nicht das Primäre der Religionen ist, hier stellt die schwere Erkrankung von Theo den roten Faden für den Erzählverlauf her und schafft letztlich auch den entscheidenden Spannungsmoment: Wird er am Ende wieder gesund werden?
Einmal gelesen, wird „Theos Reise“ dem einen oder anderen sicher als ungewöhnliches Nachschlagewerk dienen können. Die klare Gliederung und das umfangreiche und sehr übersichtliche Register ermöglichen das leichte Finden bestimmter Themen, Orte oder historischer Personen. So bleiben etwa die Seiten über den religiösen Brennpunkt Jerusalem, die sehr lebendig durch auch streithafte Dialoge von Vertretern der verschiedenen Religionen gestaltet sind, besser im Gedächtnis als eine theoretische Abhandlung.
Als unterhaltsame Einführung in sich für Weltreligionen interessierende jugendliche und erwachsene Leser ist „Theos Reise“ ebenso geeignet wie als prosaisches Nachschlagewerk!
Autorenportrait:
Catherine Clément wurde 1939 in Paris geboren, studierte Philosophie und Psychologie, arbeitete bis 1964 als Lehrerin und danach 14 Jahre als wissenschaftliche Assistentin an der Sorbonne. Anschließend war sie als Kulturredakteurin für die Pariser Tageszeitung „Le Matin“ tätig. Als Gattin des französischen Botschafters lebte sie unter anderem in Dakar, Indien, Wien und Prag. Sie schrieb viel beachtete Essays, wissenschaftliche Werke und zwölf Romane und wurde mit Literaturpreisen ausgezeichnet. 1998 erschien ihr Bestseller „Theos Reise“.
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Catherine Clément
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