Pimp
Story of my Life – Die schwärzeste Geschichte des schwarzen Amerika
(bhs). Als „Pimp – Story of my Life“ 1967 als Lebensbeichte des Chicago-Zuhälters Robert Beck in den USA erschien, sprengte es alle Bestsellerlisten und zugleich die Geduld der Verleger: Unverblümt und offen berichtete Iceberg Slim alias Robert Beck im tiefsten Slang über sein Leben. Unübersetzbar für die Verlage, rassistisch und tief im Sumpf eines nach außen hin so konservativen Amerikas.
„Pimp“ wurde zur Inspiration zahlloser Musiker, verherrlicht von Rappern und Soulsängern; es wurde zur Antriebsfeder des idealisierten „Gangsta-Lebens“ und zur Rechtfertigung, wie man auch auf der Straße überleben könne. Zugleich aber blieb es auch immer das unübersetzbare und daher geheimnisvolle, als verwegen verrufene Buch, eine Vorlage des vermeintlich Bösen. Es ist böse. „Pimp“ ist das populäre Werk eines abstoßenden Autors, der zum Kult wurde, indem er Kult schuf. Iceberg Slim, einer der bekanntesten und glamourösesten „Pimps“ – nämlich Zuhälter – von Chicago, saß zehn Monate drogenabhängig in Einzelhaft, als er – angewidert von der eigenen Herzlosigkeit – beschloss, seine letzte Chance zu nutzen: Er wird Schriftsteller und schreibt acht Romane. „Pimp“ ist sein wichtigster.
In „Pimp – Story of my Life“ berichtet Iceberg Slim schonungslos vom Werdegang eines vergewaltigten Kleinkindes bis hin zum König der Ghettos und des Abgrundes. Unverblümt erzählt er, wie er als 3-Jähriger missbraucht wurde, geschlagen und misshandelt, bis er als 12-Jähriger auf die Straße flieht. Von einem Zuhälter an die Hand genommen, lernt er, was das Überleben sichert. Schon früh beginnt er in diesem Genre seine eigene Karriere, hält sich Prostituierte, misshandelt selbst, landet im Gefängnis um wieder auszubrechen und lebt inmitten eines Banden- und Milieu-Krieges, aus dem er wieder und wieder als bald berühmt-berüchtigter Sieger hervorgeht. Mit eiskaltem Charakter, herzlos, schamlos sexistisch und gierig in allen Bereichen, wird er zur gefürchteten wie gehassten – und bewunderten – Legende. Gnadenlos trotz Läuterung bleibt er augenscheinlich: „Pimp“ sei der konventionelle Traum, gelebt in allen Beziehungen und Ehen – nur etwas weniger hart...
Trotzdem sinniert er zum Schluss – ein romantisches Ende fast: „(...) ich habe kaum gute Freunde. Ich war nach einem ordentlichen Tritt in den Sack schon immer stärker denn je. Ich sehe, dass meine kleine Familie aufgewacht ist. Ich muss die Heizung anstellen. Ich möchte nicht, dass sie den neuen Tag in der Kälte angehen. Was sagt man dazu? Ein Eisberg mit einem warmen Kern?“ stellt er zuletzt seine eigene Geschichte in Frage.
Mit der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von „Pimp – Story of my Life“ ist es Bernhard Schmid, renommiertem Übersetzer und Slang-Spezialisten, jetzt gelungen, das Werk einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich zu machen. Vielleicht etwas beschönigend, etwas weicher und romantisierend. Dennoch: Man kann ihm dankbar sein. Man erkennt die eingedeutschte Wahrheit und erahnt, wie die Sprache anmuten würde, wäre sie noch derber, noch böser, noch unverblümter. Ihm und Rapper Ice T., der mit einem brillanten Nachwort Unerklärliches begreifbarer macht, nämlich das wahre und pralle, ungeschönte Leben Amerikas, sollte man dankbar sein.
„Pimp“ von Iceberg Slim ist die bitterböse Wahrheit. Ein fesselndes und faszinierendes Buch, die dunkle Seite des Lesers fast beherrschend, die offensichtliche entsetzt, möchte man es nicht aus der Hand legen. Die Realität der Verwahrlosung der Innenstädte und der vermeintlich so schönen heilen amerikanischen Welt. Die Chronik der sexuellen Ausbeutung, die erste Sozialgeschichte des urbanen Amerikas inmitten rassistischer Strukturen im Milieu. Unmenschlich, ein Leben aus der Hölle. Und doch nichts als die Wahrheit.
„Pimp – Story of my Life“ ist ein empfehlenswertes Buch mit bestechendem Anhang: Die wichtigsten Slangausdrücke von Iceberg Slim im Original-Milieu-Glossar. Man versteht. Und ist schockiert. Und begeistert. Kein „Gangsta-Roman“, sondern ein in Frage stellendes Werk, welches die Schönrederei entblößt und zeigt, dass die schönste Fassade nicht leugnen kann, was in der Realität hinter eben dieser im Milieu vonstatten geht.
Autorenportrait:
Iceberg Slim alias Robert Beck, geboren 1918 in Chicago, gestorben 1992, ist der bekannteste Pimp aller Zeiten. Ende der 50er Jahre, nach einem Vierteljahrhundert exzessiven Lebens und nach drei ebenso exzessiven Gefängnisaufenthalten, sagte er dem kriminellen Leben ab und begann eine Karriere als Schriftsteller. Er veröffentlichte sechs Romane, die zu den meistgekauften, -zitierten und -gelesenen Büchern der USA zählen. Bis heute wurden über zwölf Millionen Exemplare verkauft. „Pimp“ ist sein wichtigstes Buch und erscheint erstmals auf Deutsch.
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