Peter und der Wolf
Ein musikalisches Märchen von Serge Prokofieff mit CD
(sl).
Wenn Loriot erzählt, spitzen Erwachsene und Kinder gleichermaßen
die Ohren. Das gilt auch für „Peter und der Wolf“. Frei,
und die Betonung liegt wirklich auf frei, erzählt Loriot das musikalische
Märchen von Sergej Sergejewitsch Prokofjew nach. Er hält sich dabei
zwar an die klassische Handlung, fügt dieser jedoch die für Loriot
so typischen Feinheiten hinzu: Der betagte Großvater stottert, der Vogel
findet die Ente „doof“, weil sie nicht fliegen kann, die
Ente streckt Katze und Wolf die Zunge heraus und verlässt nur den Teich,
weil sie „wohl nicht mehr ganz richtig im Kopf“
war (eine fragliche Erklärung für Prokofjews gewisse Unlogik die Ente
betreffend), und die Jäger hatten Angst vor dem Wolf und saßen deswegen
den ganzen Morgen im Wirtshaus. An dieser doch recht saloppen Erzählung
werden sich vielleicht manche Erwachsene stören, die „Peter und
der Wolf“ noch als ernsthaft-dramatisches Stück in Erinnerung haben,
doch Kinder werden an Loriots Interpretation sicher viel Spaß haben.
Die zu dem Buch gehörende CD ist eine fulminante Aufnahme des English Chamber Orchestra unter der Leitung von Daniel Barenboim. Leider ist die CD schlecht aus der auf der inneren Rückseite des Bilderbuches befestigten Hülle zu greifen, und warum aus Sergej Sergejewitsch Prokofjew ein „Serge Prokofieff“ wurde, bleibt Geheimnis des Verlages und hat nichts mehr mit „Eindeutschung“ zu tun.
Jörg Müllers Illustrationen sind die kongeniale Umsetzung zu Loriots Text. Der Illustrator hat „Peter und der Wolf“ dort gelassen, wo es ursprünglich auch hingehört: im Musiktheater. Die einzelnen Instrumente, die den Figuren ihre „Stimme“ geben, sind hervorragend gezeichnet, so dass Kinder ganz nebenbei etwas über Musikinstrumente und das Orchester lernen. Nach der Vorstellung der Musiker hebt sich der Vorhang, die Bühne löst sich sozusagen in den Bildern auf, und erst am Ende der Darbietung sind Dirigent und Theater wieder zu sehen. Eigenwillig ist allerdings Loriots Ende: Er schiebt den Protagonisten Kommentare unter, die Sergej Sergejewitsch Prokofjew nicht vorgeben hat. Etwas lieblos ist der des Großvaters: „Hätte der Wolf nicht die Ente verschluckt, hätten wir sie am Sonntag gegessen.“ aber es steht den Eltern ja frei, solche Sätze ihren Kindern nicht vorzulesen.
Eine eigenwillige aber durchaus gelungene Umsetzung von „Peter und der Wolf“!
Komponistenportrait:
Sergej Sergejewitsch Prokofjew, geboren am 23. April 1891 in Sonzowka, Gouvernement Jekaterinoslaw, war Schüler von Anatol Ljadow und Nikolaj Andrejewitsch Rimskij-Korsakow. Der russische Komponist und Pianist lebte nach der Revolution in Japan, Amerika, Oberbayern und Paris und kehrte 1933 in die Sowjetunion zurück. In seinen frühen Werken an der Ausbildung einer antiromantischen Musiksprache interessiert, befleißigte sich er unter dem Einfluss doktrinärer Kulturpolitik zunehmend traditionsverhafteter Volkstümlichkeit. Kennzeichnend für sein Werk sind große melodische Linienzüge sowie stark ausgeprägte Motorik und ein Hang zur Groteske. „Peter und der Wolf“ entstand 1936. Sergej Sergejewitsch Prokofjew starb am 5. März 1953 in Moskau.
Autorenportrait:
Loriot eigentlich Vicco (Bernhard Victor Christoph Carl) von Bülow, geboren am 12. November 1923 in Brandenburg, Havel, machte sich einen Namen als deutscher Karikaturist, Schriftsteller, Filmregisseur und Fernsehautor. Das Pseudonym wählte er 1949, weil Loriot der französische Name des Vogels Pirol ist, der den Helm auf dem Familienwappen der Familie Bülow ziert.
Illustratorenportrait:
Jörg Müller wurde am 11. Oktober 1942 in Lausanne geboren und wuchs in Küsnacht bei Zürich auf. Nach der Ausbildung an der Bieler Kunstgewerbeschule arbeitete er als Werbegrafiker in Paris, Zürich und Bern. Seine erste Bildermappe „Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder die Veränderung der Landschaft“ machte Jörg Müller auf Anhieb bekannt und brachte ihm den Deutschen Jugendliteraturpreis ein. Viele andere erfolgreiche Bilderbücher folgten, einige wurden bereits verfilmt. 1994 erhielt er für sein Gesamtwerk die Hans-Christian-Andersen-Medaille, die international bedeutendste Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur. Er lebt heute in Biel und Frankreich.
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