Lisas Buch
Ein spannender Abenteuerroman aus der Welt der Bücher
(sl).
Kapitän Ahab will ein Manuskript stehlen und versetzt damit das „Vereinigte
Reich der Erfindung“ in Aufruhr: „Ahab könnte (…)
die Bücher der Welt vernichten und damit das gesamte Reich der Erfindung.“
Also entwickelt Direktor Jorge mit ein paar Mitgliedern der Direktion im Amedistischen
Castell einen Plan zur Rettung. Tom Sawyer und Huckleberry Finn werden bestimmt,
in die reale Welt zu gehen und das besagte Manuskript, geschrieben von dem Bibliothekar
Alois Birnbichler, an sich zu bringen, um es vor Ahab zu verwahren.
Als beide Jungen ziemlich ratlos in der Bibliothek sitzen und nicht weiter wissen, stolpern sie über Lisa, die sie zu Herrn Birnbichler bringt. Doch Tom Sawyer und Huckleberry Finn kommen zu spät – das Manuskript ist weg. In der gleichen Nacht suchen die Jungen Lisa auf und bitten sie um Hilfe. Zuerst kann Lisa gar nicht glauben, wer die Jungen sind und woher sie kommen. „Wir sind nicht geboren, sondern erfunden worden.“, erklärt ihr Tom Sawyer und weiter: „Im Vereinigten Reich der Erfindung leben alle Menschen, Tiere, Fabelwesen und so, über die je Geschichten geschrieben oder erzählt worden sind. Ist eine Welt neben der Welt sozusagen. (…) Was in den Büchern steht, geschieht bei uns“, und langsam dämmert es Lisa, dass der besagte Kapitän Ahab, den sie nicht kennt, das geklaute Manuskript umschreiben will. Noch bleiben ihr zwar Zweifel an der Geschichte, „Oder wollt ihr mir erzählen, dass jemand extra ein Buch geschrieben hat, damit ihr jetzt in meinem Zimmer hocken könnt?“, doch so wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn für ein paar Stunden in die wirkliche Welt können, kann auch Lisa in die Bücherwelt. Und ehe sich das 12-jährige Mädchen versieht, ist sie schon Teil eines literarischen Abenteuers.
Autor Wieland Freund ist mit „Lisas Buch“ ein überaus spannender Abenteuerroman für Kinder ab elf Jahren gelungen, der ganz nebenbei in die Welt der klassischen Kinderliteraturfiguren einführt. Der Autor gibt zu, sich an berühmten Vorbildern bedient zu haben: „Die wenigsten Figuren aus „Lisas Buch“ habe ich selbst erfunden. Das haben andere besorgt, deren Bücher ich schon als Kind gern gelesen habe.“ Wieland Freund hat die Charaktere der Literaturfiguren so gelassen, wie sie von deren Autoren erschaffen wurden – und genau das macht „Lisas Buch“ gerade für Erwachsene zu einem herrlichen Lesevergnügen, können diese nun nochmals den Helden ihrer Kinderbücher begegnen. Dabei ist Wieland Freund ein cleverer Schachzug gelungen: Sind nahezu alle Figuren aus dem Vereinigten Reich der Erfindung eher der Jungenliteratur zuzuordnen, hat Wieland Freund trotzdem ein Mädchen zur Titelheldin gemacht. Damit werden mit „Lisas Buch“ beide, Mädchen und Jungen, gleichermaßen angesprochen.
Zurück zum Inhalt: Nachdem Lisa mit den Jungen durch einen Kaninchenbau – Alice im Wunderland lässt grüßen! – in das Vereinigte Reich der Erfindung gerutscht ist, kommt sie kaum zum Durchatmen. Das gleiche Schicksal widerfährt dem Leser: Atemlos verschlingt man Seite um Seite, denn „Lisas Buch“ ist einfach so spannend, dass man es nicht aus der Hand legen kann. Nach und nach begegnet Lisa dem Ei Humpty Dumpty, Frank Stein alias Frankensteins Monster, Ebenezer Scrooge, Don Quixote und Sancho Pansa, Robinson Crusoe, den Rittern der Tafelrunde und noch vielen weiteren literarischen Figuren. Alle sind hinter dem gestohlenen Manuskript her, und ein Wettlauf mit der Zeit beginnt: Nicht nur, dass Lisas Aufenthaltsdauer im Vereinigten Reich der Erfindung begrenzt ist, auch die Figuren sind bedroht, denn „sie können verblassen, wenn man in der wirklichen Welt aufhört, ihre Geschichten zu lesen.“ Wie der Wettlauf ausgeht, und ob Lisa und ihre literarischen Freunde das Manuskript retten können, sei hier natürlich nicht verraten... .
Kleiner Wehrmutstropfen: Der schlichte Titel „Lisas Buch“ verdeutlicht bei weitem nicht, welch sensationelles Lesevergnügen sich dahinter verbirgt, und der Titel könnte Jungen in gewissen Phasen vielleicht sogar peinlich sein – welcher 13-Jährige würde zugeben, ein Buch mit dem Titel „Lisas Buch“ zu lesen? Das Buch hätte also einen aussagekräftigeren Titel und eine schönere Ausstattung verdient gehabt. Das Taschenbuchformat und die darin enthaltenen schwarzweißen Illustrationen von Regina Kehn werden der Genialität dieses Buches leider kaum gerecht.
Bleibt zu hoffen, dass viele Kinder „Lisas Buch“ lesen, denn eines ist gewiss: Es macht neugierig auf die große Welt der klassischen Kinderliteratur. Autor Wieland Freund gelingt, wovon Eltern und Deutschlehrer im Geheimen träumen: Die Kinder zurück zum Buch zu bringen und zu zeigen, dass es auch noch eine literarische Welt ohne Harry Potter zu entdecken gibt! Wundern Sie sich daher nicht, wenn Ihr Kind „Lisas Buch“ in einem Rutsch verschlingt und gleich danach „Tom Sawyer“, „Robinson Crusoe“ und „Don Quixote“ lesen will.
„Lisas Buch“ ist schlicht genial und gehört zu den absolut lesenswerten Neuerscheinungen – für Kinder ebenso wie für Erwachsene!
Autorenportrait:
Wieland Freund, geboren 1969, ist Journalist und schreibt vorwiegend für
die Tageszeitung „Die Welt“. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern
in der Nähe von München. „Lisas Buch“ ist sein erstes
Kinderbuch und wurde mit dem Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte
Literatur ausgezeichnet. Sein zweiter Roman für Kinder heißt „Gespensterlied“.
Illustratorenportrait:
Regina Kehn, 1962 in Hamburg geboren, hat an der Fachhochschule für Gestaltung
in Hamburg Illustrationen studiert. Seit 1988 arbeitet sie freiberuflich für
verschiedene Verlage und Zeitschriften. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden
Töchtern in Hamburg.
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