Libra – Sieben Sekunden
Lee Harvey Oswald und das Attentat auf John F. Kennedy
(tik).
Manchmal ist die Geschichte keine Folge von Ereignissen, die sich im steten
Fluss der Zeit aneinander reihen. Es gibt Menschen, die während ihres Lebens
„die Geschichte im Raum spürten und nur auf den Augenblick warteten,
da diese die Mauern niederwalzen und sie mit sich reißen würde.“
Zu diesen Menschen zählt sich Lee Harvey Oswald, der Mörder John F.
Kennedys, in Don DeLillos Roman „Libra“. Bereits 1991 in der deutschen
Übersetzung aus dem Amerikanischen von Hans Hermann unter dem Titel „Sieben
Sekunden“ erschienen, trägt die Neuauflage nun den Titel der amerikanischen
Originalausgabe.
Betrachtet man den Anspruch des Romans, so ist die Änderung im Titel durchaus schlüssig. Don DeLillo widmet sich hier einem der berühmtesten politischen Morde des 20. Jahrhunderts, dem Attentat auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten, John F. Kennedy, in Dallas. Die sieben Sekunden, während derer der Präsident mit drei gezielten Gewehrschüssen niedergestreckt wurde, gingen um die Welt. Auf Film gebannt, machten sie den Anschlag zum ersten großen Medienspektakel, wie es prägend für die postmoderne Konsumgesellschaft werden sollte.
Doch Don DeLillo ist weniger an dem Ereignis selbst interessiert als vielmehr an den beteiligten Personen, an ihren Schicksalen und Gedankengängen. Er erzählt Geschichte nicht anhand markanter Kalenderdaten sondern nimmt das Leben Geschichte schreibender Menschen unter die Lupe. So verdichtet er den Lauf der Dinge, bis der Leser selbst die Geschichte im Raum zu spüren vermag, eine Geschichte, die am 22. November 1963 innerhalb von sieben Sekunden alle persönlichen Grenzen der Involvierten sprengte und Weltgeschichte wurde.
Die Verstrickungen und Schicksalsschläge, die im tödlichen Komplott gegen den Präsidenten gipfelten, sind das eigentliche Thema von „Libra“. Im Mittelpunkt stehen der Attentäter Lee Harvey Oswald und eine Handvoll ehemaliger CIA Agenten, die nach der gescheiterten Invasion in der kubanischen Schweinebucht der Person John F. Kennedy und dessen Politik die Schuld an der Niederlage geben. Keiner von ihnen folgt von Anfang an einem festen Plan zur Ermordung des Staatsoberhauptes. Lee Harvey Oswald sympathisiert mit dem Kommunismus und wandert für einige Jahre in die Sowjetunion aus. Nach seiner Rückkehr in die USA suchen die Verschwörer Kontakt zu ihm und nutzen seine Verbitterung, um ihn für ihre Rache am Präsidenten zu gewinnen. Erst allmählich, für die Beteiligten genauso wie für den Leser, nimmt das Vorhaben Kontur an.
Das Bild, das Don DeLillo auf diese Weise von der Verschwörung entwirft, läuft der scheinbaren Unvermeidlichkeit, die sich in den sensationellen Bildern vom Attentat geradezu aufdrängt, zu wider. Durch die hohe Konzentration auf einzelne Personen gibt er der Geschichte zurück, was ihr im Zeitalter medial vermarkteter Sensationen so oft genommen wird: einen beeinflussbaren Verlauf. Lee Harvey Oswald wurde im Zeichen der Waage, der Libra, geboren. Dementsprechend neigt sich sein Schicksal mal in die eine, mal in die andere Richtung. Nichts steht fest, nichts lässt sich auf sieben Sekunden reduzieren.
Mit seiner Methode, an die Romanfiguren heranzugehen, sie aus solcher Nähe zu betrachten, dass die Konturen der Handlungen und Ereignisse zu verschwimmen scheinen, ist Don DeLillo das genaue Gegenteil eines historischen Erzählers. Es fehlt ihm der Blick von oben herab. Gerade durch diese übertriebene Nähe erreicht er aber etwas, das ihn zu einem der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart macht: Er schafft in einer Welt aus kurzlebigen Sensationen Raum für Zusammenhänge. Aus diesem Grund ist auch „Libra“ 40 Jahre nach dem Attentat auf John F. Kennedy immer noch ein unbedingt lesenswertes Buch!
Autorenportrait:
Don DeLillo, 1936 in New York geboren, hat ein umfangreiches erzählerisches Werk vorgelegt, das mit dem „National Book Award“, dem „Pen/Faulkner Award for Fiction“ und dem „Jerusalem Prize“ ausgezeichnet wurde. Der Roman „Sieben Sekunden“ über Kennedys Ermordung wurde in den USA breit diskutiert. Er lebt in New York.
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