Leben, um davon zu erzählen
Die Memoiren des Gabriel García Márquez
(tmj). In Kolumbien gab es mitunter Tumulte vor den Buchhandlungen und die Nationalhymne wurde gespielt, und das, weil der Nationalheld Gabriel García Márquez ein neues Buch herausgebracht hat. Wenn dieser Mann nun seine Memoiren schreibt, wird dies sicherlich auch weltweit Beachtung finden.
Leider liegt über den vorliegenden Lebenserinnerungen der Schatten einer schweren Erkrankung des Schriftstellers: In den Pausen zwischen Krankenhausaufenthalten und eventuell schon unter existentiellem Zeitdruck brachte Gabriel García Márquez seine Erinnerungen zu Papier. Weitere Bände sollen noch folgen, denn das vorliegende Buch „Leben, um davon zu erzählen“ endet etwas abrupt im Jahre 1955. Dies wird vom Kiepenheuer und Witsch Verlag allerdings nirgends erwähnt, so dass der Eindruck erweckt wird, man halte die kompletten Memoiren in den Händen. Diese (bewusste?) Irreführung ist jedoch der einzig wirkliche Kritikpunkt an diesem sonst liebevoll gestalteten Buch.
In der einfühlsamen Übersetzung von Dagmar Ploetz, die unter anderem auch Isabel Allende und Mario Vargas Llosa übersetzt hat und mit dem Schriftsteller Uwe Timm verheiratet ist, entfaltet sich der erzählerische Zauber von Anfang an.
Gabriel García Márquez beginnt seine Erinnerungen 1950, mit der Bitte seiner Mutter sie zu begleiten beim Verkauf des Hauses, in dem er selbst 1927 geboren worden war. Diese Geburt war höchst dramatisch verlaufen, denn nach den begeisterten Rufen der Tante Francisca „Ein Junge, ein Junge!“ musste Gabriel García Márquez (oder Gabo, wie er später gerufen wird) wiederbelebt werden. Dies geschah durch Einreibungen mit hochprozentigem Rum und beherztem Handeln einer Hebamme.
Doch auch um das Geburtsdatum gibt es ein rätselhaftes Phänomen: Während im vorliegenden Buch vom 6. März 1927 die Rede ist, vermelden viele große Nachschlagwerke den 6. März 1928, und dem entsprechend werden 2003 unpassende Glückwünsche zum 75. Geburtstag eingehen, die der Autor aber mit einem geheimnisvollen Schmunzeln dennoch entgegennehmen wird.
Nach Schilderung dieser dramatischen und mysteriösen Geburt fächert Gabriel García Márquez chronologisch sein Leben auf, stellt uns skurrile Opas und Onkels vor, führt uns merkwürdige Duelle und Bordelle vor Augen und erzählt im letzten Teil des Buches sehr ausführlich von seinen Plänen, Anwalt zu werden und seinen Anfängen als Journalist, von Existenzsorgen geplagt und von politischen Umständen erschüttert.
Es wird für den interessierten Leser der Romane von Gabriel García Márquez deutlich, wie viele biographische Elemente das Grundgerüst der Handlungen bilden. So mancher wird Lust bekommen, noch einmal und mit anderen Augen in diesen Büchern zu lesen und zu stöbern. Die Stärke der Prosa von Gabriel Garcia Marquez sind die vielfältigen facettenreichen Details, die sein außergewöhnlich gutes Gedächtnis ihm als Rohmaterial zur Verfügung stellt. Eigentlich, so Gabriel García Márquez, seien all diese Geschichten in den rätselhaften und erfindungsreichen Erzählungen seiner Großmutter bereits angelegt gewesen. Dieses Material „verdichtet“ er nun in „Leben, um davon zu erzählen“ wie in seinen Romanen, denn mit dem, was allgemein Realität genannt wird, nimmt Gabriel García Márquez es ja sowieso nicht so genau.
Es entstehen novellenartige Episoden und mitunter kleine aphoristische Spielereien, oft mit einer Prise surrealistischem Humor garniert. Ein Beispiel: „Jahrelang habe ich aber keinen Mozart gehört, weil ich auf den abwegigen Gedanken gekommen war, dass es Mozart gar nicht gibt, denn ist er gut, ist er Beethoven, und ist er schlecht, ist er Haydn.“
Wer ein echter Fan von Gabriel García Márquez ist, wird erneut verzaubert von der Sprachkraft dieses ungewöhnlichen Mannes und freut sich auf die hoffentlich folgende Fortsetzung von „Leben, um davon zu erzählen“.
Autorenportrait:
Gabriel García Márquez, geboren 1927 in Aracataca, Kolumbien, arbeitete nach dem Studium zunächst als Journalist. Er hat ein umfangreiches, in Millionenauflagen verbreitetes erzählerisches und journalistisches Werk vorgelegt. 1982 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
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