Kāma Sūtra
Die Kunst der Liebe
(jaf).
Für die Gelehrten des alten Indien gab es drei Ziele im Leben des Menschen:
dharma ethische und soziale Verantwortung , artha Erfüllung
materieller und weltlicher Ziele und kama sexuelle und körperliche
Praktiken. Alle drei seien dabei gleichwertig. Mit der letzten Komponente beschäftigte
sich auch Vātsyāyana Mallanāga im dritten nachchristlichen
Jahrhundert mit seiner Abhandlung über die Liebeskunst: Kāma Sūtra,
dessen Stellenwert sowohl in Indien als auch der westlichen Welt gemeinhin völlig
verkannt wurde. Dem will nun Autorin Andrea Pinkney mit dem Werk „Kāma
Sūtra“, aus dem Amerikanischen von Rita Seuß einfühlsam
übersetzt, entgegentreten. Für die brillanten Fotos in dem opulent
ausgestatteten Bildband von Jahrhunderte alten Gemälden und Skulpturen
zeichnet Fotograf Lance Dane verantwortlich. Viele der abgebildeten Kunstschätze,
auf teilweise ausklappbaren Seiten zu betrachten, wurden vorher noch nie in
der Öffentlichkeit gezeigt.
Mitnichten sei das Kāma Sūtra, so wird gleich in der Einleitung klar gestellt, als rein pornographischer Text zu verstehen, der zudem als „Namensgeber für zahllose Konsumprodukte, die sexuelle und sinnliche Lust versprechen, unter anderem für Latexkondome in Indien und eine Produktserie zur Aromatherapie in den Vereinigten Staaten und Kanada“ herhalten muss. Natürlich gehören sie dazu, jene Schilderungen der unterschiedlichsten Stellungen beim Geschlechtsverkehr und ihre Abbildungen auf zahlreichen Gemälden und Skulpturen. Aber auf die flüchtige Befriedigung erotischer Fantasien beschränken sich die Macher des Buches eben nicht, sondern lassen das Kāma Sūtra in einer tieferen Bedeutung erstrahlen. „Vātsyāyana zeigt seinen Schülern vielmehr den Weg zu Glück und Erfüllung in einer reifen körperlichen Beziehung, indem er die Männer den richtigen Umgang mit Frauen und mit anderen Männern lehrt und die Notwendigkeit betont, Rücksicht auf den Standpunkt und die Erfahrungen anderer zu nehmen. Denn nur gegenseitiges Verständnis und Einfühlungsvermögen führen zu Harmonie in zwischenmenschlichen Beziehungen“.
Und genau davon handelt auch der Bildband „Kāma Sūtra“: Vom gegenseitigen Respekt und jenen Regeln, die schließlich eben auch eine erfüllte Sexualität nach sich ziehen. Selbst, wenn Ratgeber-Rubriken wie „32 Arten, einen unerwünschten Liebhaber loszuwerden“, „Wann ist für einen Mann der richtige Zeitpunkt gekommen, eine Freundin der Angebeteten zu bitten, für ihn zu vermitteln?“ oder „Welche Arten von Liebesmalen darf der Mann am Hals seiner Geliebten hinterlassen?“ mitunter auf den ersten Blick kurios anmuten, geben sie doch viel Auskunft über das Verhältnis von Mann und Frau und vieles davon ist bis heute gültig.
Daneben enthält „Kāma Sūtra“ eine Menge Informationen über die (alt)indische Kultur und lässt Sitten und Bräuche erkennbar werden. Aufgelistet sind beispielsweise „Vierundsechzig Kennzeichen von Kultur“ das Kāma Sūtra rechnet das Vorlesen aus Büchern und das Arrangieren von Blumen ebenso dazu wie Parfümzubereitung, das Mixen von Getränken oder das „Einfügen von auswendig gelernten klassischen Textpassagen ins Gespräch zur Veranschaulichung des eigenen Standpunktes“. In diesem Sinne ist der Bildband „Kāma Sūtra“ alles andere als Pornographie. Vielmehr ist es eine spannende Dokumentation von Zeitgeschichte, zu der eben auch erotische Kunst zählt und Sexualität als Teil einer gesamtheitlichen Weltauffassung verstanden wird.
Der eindrucksvolle Bildband „Kāma Sūtra“ ist so einzigartig wie die Liebe zwischen zwei Menschen!
Autorenportrait:
Andrea Pinkney ist Indologin und ausgewiesene Kennerin der indischen Sprachen und Kultur. Nach dem Studium des Sanskrit und Aufenthalten in Pune und Varanasi leitet sie derzeit ein Forschungsprojekt an der New Yorker Columbia Universität.
Fotografenportrait:
Lance Dane ist Spezialist für die Kunst des Kama Sutra. Als Fotograf hat
er über Jahrzehnte hinweg eine umfassende Fotosammlung von Malerei, Skulptur
und Architektur zusammengestellt, die ein großes künstlerisches Spektrum
zeigt. Einige seiner Bücher über das Kama Sutra sind ausgezeichnet
worden. Der Engländer ist Mitbegründer des „Sanskriti Museum
of Everyday Art“ in Neu Delhi.
© Copyright by: Public Dialog Hamburg