Interview mit dem Weihnachtsmann
Neun Kindergeschichten für Erwachsene von Erich Kästner
(tik).
Erich Kästner ist bekannt für seine Kinderbücher, die humorvoll
und mit hohem moralischem Anspruch nicht nur Kinder immer wieder begeistern.
Doch gibt es noch einen zweiten Erich Kästner: Ein Autor, der in dunklen
Bildern die Tragik des Lebens beschwört, bei dem auch die Kinderschicksale
nichts von der bekannten Heiterkeit haben. Die neun „Kindergeschichten
für Erwachsene“, die auf dem Hörbuch „Interview mit dem
Weihnachtsmann“ zusammengestellt sind, zeigen eine Zwischenwelt, in der
sich Erzählton und Thematik an beide Extreme anlehnen und eine Mischung
aus humorvoller, aber nur selten fröhlich gelassener Stimmung erzeugen.
Gleich die erste titelgebende Geschichte, „Interview mit dem Weihnachtsmann“, lässt diese Tendenz erkennen: Ein Mensch wartet auf den Weihnachtsmann. Jedoch handelt es sich nicht, wie man eigentlich annehmen könnte, um ein kleines Kind, das sich mit roten Bäckchen auf die Bescherung freut. Der Wartende ist ein erwachsener Mann, der allein in seiner Wohnung sitzt, als die Türglocke läutet und sich der abendlich Gast als der Weihnachtsmann vorstellt. Er tritt ein, macht es sich bequem und noch bevor das Gespräch auf seinen Beruf kommt, lässt er keinen Zweifel daran, dass er mit seinem Leben nicht ganz zufrieden ist. Erzähler Ulrich Noethen trifft hier perfekt den Ausdruck eines amtsmüden Mannes, der sich nach nichts mehr sehnt, als nach dem Feierabend: Kein Ton ist zuviel, jedes Ächzen erfolgt genau am richtigen Platz. Der Weihnachtsmann müsste gar nicht mehr erzählen, wie er sich im Sommer als Bademeister verdingt und wie wenig er eigentlich zu alldem steht, denn was er macht, seine Frustration dringt aus jedem Ton.
Die Ernüchterung könnte kaum größer sein: Ein Kinderbuchautor, der seine Figuren mit den Worten alter frustrierter Männer über Weihnachten, wohl eines der wichtigsten Kinderthemen, reden lässt. Und doch schafft es Erich Kästner, gerade durch den scheinbaren Überdruss seines bärtigen Protagonisten, eine Hintertüre für die Hoffnung offen zu halten: Nach Abzug des Weihnachtsmannes stellt der Gastgeber fest, dass sein mürrischer Besucher nicht nur keine Geschenke mitgebracht, sondern, im Gegenteil, sämtliche offen herumliegenden Wertgegenstände gestohlen hat. Was macht der Mann also? Er ärgert sich, dass die Zigarren weg sind. Aber, siehe da, was für ein Glücksfall: Der Dieb hat das goldene Feuerzeug gleich mitgenommen. Der Wunsch zu rauchen kommt aber nur auf, wenn Feuer aber keine Zigarren im Haus sind, und so lehnt sich der Mann entspannt in seinem Sessel zurück und genießt den Weihnachtsabend.
Wer als erwachsener Mensch noch eine solche kindliche Ruhe an den Tag zu legen vermag, dem bleibt die Hoffnung erhalten. Diese Hoffnung ist das wichtigste Thema der Geschichten, wie traurig sie manchmal auch sein mögen. Sobald allerdings Kinder ins Spiel kommen, und das ist nicht selten der Fall, merkt man auch den anderen Erich Kästner. Es werden vertrackte Streiche gespielt, die zu urkomischen Situationen führen.
Bei solch heterogenen Texten immer den angemessenen Ton zu treffen, ist die große Leistung von Ulrich Noethen. Es gelingt ihm, aus der tiefen Nachdenklichkeit, die viele Geschichten prägt, den Humor freizulegen, ohne die ernsthaften Protagonisten bloßzustellen. So macht er das Hörbuch „Interview mit dem Weihnachtsmann“ zu einem ganz besonderen Genuss – nicht nur zu Weihnachten!
Autorenportrait:
Erich Kästner wurde am 23. Februar 1899 in Dresden geboren. Der Lyriker,
Roman- und Kinderbuchautor blieb 1933 trotz des Verbots seiner Schriften in
Deutschland, war von 1952-1962 Präsident des Deutschen PEN-Zentrums der
Bundesrepublik Deutschland. Er schrieb scharfsichtige und witzige, zeitkritische
„Gebrauchslyrik“, ferner unterhaltsame, zum Teil verfilmte Romane
und hatte Welterfolge mit Jugendbüchern. Er ist auch Autor von „Die
Entlarvung des Osterhasen“. Erich Kästner starb am 29. Juli
1974 in München.
Erzählerportrait:
Ulrich Noethen, geboren 1959 in München, ist Absolvent der Hochschule für
Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Er begann seine Schauspielkarriere
1985 am Freiburger Theater, wechselte später zum Fernsehen und spielte
erfolgreich in mehreren Kinofilmen. Er wurde unter anderem mit dem Goldenen
Löwen, dem Bayerischen Filmpreis und dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet.
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