Fräulein Stark
Ein Sommer in der Bibliothek
(pr). Mit Besserwissern aber auch mit Kulturbanausen hat es der jugendliche Neffe eines Stiftbibliothekars diesen Sommer zu tun, aber vor allem auch mit einer Reihe schöner junger Damen, denen er allen nicht an die Wäsche, aber „an den Fuß“ darf. Denn seine Aufgabe ist es, das kostbare Parkett des barocken Büchersaals in Ordnung zu halten und zu diesem Zweck an alle Besucher Pantoffeln zu verteilen, um den Boden zu schonen.
Sein Onkel, Stiftsbibliothekar, Prälat und ein geborener Katz, ein Name, der einem im Laufe der Novelle immer wieder begegnen wird, führt ihn in die Welt der Bücher ein und textet seinen „nepos“, wie er ihn liebevoll nennt, Tag für Tag mit lateinischen Sprüchen zu. Motto der Stiftsbibliothek ist: „Im Anfang war das Wort. Dann kam die Bibliothek. Und erst an dritter und letzter Stelle kommen wir, wir Menschen und Dinge. Nomina ante res, die Wörter zuerst!“
Die Haushälterin Fräulein Stark ist eine alte Katechismus-Vertreterin, die ständig nach sündigem Verhalten und Gebaren Ausschau hält, um dann strafende Blicke auszuteilen. Sie ist zwar „nur“ die Haushaltshilfe, doch den Einfluss, den sie auf Stiftsbibliothekar sowie auch auf dessen Neffen zugleich ausübt, wird im Laufe der Novelle noch erkenntlich. Aufgrund ihrer anscheinend strengen Religiosität nimmt sie natürlich besonders Anstoß am Benehmen des kleinen Neffen, der, manchmal auch mit Zuhilfenahme von Spiegeln, unter die Röcke der Damen schaut, die die Schwelle der Stiftsbibliothek übertreten. Dieses anrüchige Fehlverhalten wird für den Jungen, dessen Namen und Alter, wir übrigens nicht erfahren, außer der Tatsache, dass er ein „Katz“ ist, immer mehr zur Obsession in die er sich hineinsteigert. Höchstes Ziel seiner Neigungen ist es hierbei nicht nur, den Geruch der edlen weiblichen Wesen in sich aufzusaugen, quasi zu absorbieren, sondern auch einen ausgiebigen Blick unter die Röcke der begnadeten Geschöpfe zu werfen, um bis zum ersehnten Teil vorzudringen – den Dessous.
Im Laufe der Geschichte erfährt der Leser dann, das es wohl so eine Art Familienfluch sein muss, der dem „nepos“ zum Verhängnis wird und aus dem er sich befreien will, was ihn letzten Endes in eine Zwiespältigkeit treibt. Dabei will er doch eigentlich ganz normal sein. Bei der Erkundung des Familiengeheimnisses der Familie Katz findet der Neffe des Stiftsbibliothekars nicht nur Interessantes über seinen Onkel heraus, sondern auch über das Fräulein Stark und ihre angebliche Frömmigkeit… .
Die Novelle „Fräulein Stark“ von Thomas Hürlimann erinnert zuweilen an Patrick Süsskinds „Das Parfum“, zumindest an den Stellen, in denen der Protagonist der Geschichte den Düften, Gerüchen und Parfums der Damenwelt erliegt und nicht mehr davon loskommt. Doch ein ganz so tragisches Ende wie beim „Parfum“ nimmt das Ganze dann doch nicht. Eine ziemlich außergewöhnliche Geschichte bekommt man hier vom Autor präsentiert, dessen Schreibstil an den des Realismus erinnert – direkt, explizit und burlesk. So wird vom Sommer eines Jungen berichtet, der die Unterröcke der Frauen entdeckt, und dabei seiner eigenen Identität auf die Schliche kommt. Diese Entwicklung des „nepos“ ist vom Autor eindrucksvoll geschrieben worden: Er nimmt dabei nicht nur die Scheinheiligkeit der Frommen aufs Korn, die diejenigen sind, die am wenigsten hinter dem stehen was sie predigen, aber auch wie schmerzhaft es sein kann, noch nicht zu wissen wer man ist und von Selbstzweifeln gequält zu sein.
Mit ironischer Zuneigung und witziger Sprache hat Thomas Hürlimann mit „Fräulein Stark“ eine Novelle verfasst, die den Schritt vom Jugendlichen zum Erwachsenen porträtiert, aber auch dessen scheinheilige Umgebung parodiert und auffliegen lässt. Lesenswert!
Autorenportrait:
Thomas Hürlimann, 1950 in Zug geboren. Nach dem Studium der Klosterschule in Einsiedeln Studium der Philosophie in Zürich und Berlin. Für sein Schaffen, das Prosa und Theaterstücke umfasst, wurde er mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet.
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