Die Papierverschwörung
Historischer Kriminalroman um die Geburtstunde des Aktienhandels in England
(tmj).
Wenn Erwachsene sich über Geschichte auslassen, wird es oft langweilig.
Mal ehrlich, wer würde gerne „Die Entstehung des Wertpapierhandels
im 18. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtung der wirtschaftliche
Verhältnisse in der englischen Hauptstadt London“ lesen? Kinder
haben es da besser. Spielerisch erobern sie sich auf verschiedene Art und Weise
vergangene Welten, seien es mittelalterliche Ritter und Burgfräulein, die
Welt der Wikinger oder das Zeitalter der Dinosaurier Unterhaltung steht
dabei im Vordergrund. Die Sehnsucht der Erwachsenen nach ähnlich spielerischer
Leichtigkeit ist vielleicht der Hauptgrund für den momentanen Boom historischer
Romane.
Wenn David Liss uns in seinem Roman „Die Papierverschwörung“ also auf spannende und interessante Art ins historische London schickt, geschieht dies in bestem Einvernehmen mit dem neuen Genre. Der Held dieser Story, Benjamin Weaver, ist auch knorrig und skurril genug, um schnell Sympathie zu erwecken. Als ehemaliger Preisboxer und jetziger „Bodyguard“ ist er so recht aus der guten Art seiner Familie, alles angesehene Kaufleute, geschlagen und als gesellschaftlicher Außenseiter hat er nun eine harte Nuss zu knacken: Er soll den mysteriösen Mord an seinem Vater klären. Dabei stolpert er in die Irrungen und Wirrungen des beginnenden Aktienhandels.
Hier liegt die Stärke des Buches: Dem Autor gelingt eine gut recherchierte und um ein interessantes Hauptmotiv angesiedelte Geschichte. Beim Lesen bleibt man nicht nur in der Vergangenheit verhaftet, bei bestimmten historischen Details zieht man hin und wieder unerwartete Parallelen zu heutigen Gepflogenheiten, so etwa beim so genannten „Tabakziehen“: Die Arbeiter zogen beim Verladen von großen Tabakballen unauffällig Tabak heraus, um diesen auf eigene Rechnung zu verkaufen. Obwohl dies den Tabakhändlern bekannt war, sanktionierten sie dies nicht, sondern senkten einfach die Löhne. Wer denkt da nicht an die heutigen „Bagatelldiebstähle“ in Kaufhäusern, bei denen die Konzerne diese letztlich nicht wirklich eindämmen, sondern die entstandenen Schäden einfach anteilig auf die Warenpreise aufschlagen.
So originell verschlungen auch der geschilderte Plot ist, hier zeigt der Roman seine Schwäche: Es ist sprachlich nicht straff durchgestaltet, aus dem Amerikanischen von Gerald Jung übersetzt, und mit seinen 640 Seiten vor allem für den Liebhaber von virtuos erzeugter Spannung um einiges zu lang. Auch der Showdown zum Schluss erweist sich als zu langatmig, die „Actionszenen“ wirken da mitunter überzogen und gewollt.
„Die Papierverschwörung“ bringt dem Leser eine interessante Facette der kapitalistischen Wirtschaftsgeschichte auf spannende Art und Weise nahe!
Autorenportrait:
Der Amerikaner Davis Liss, 1966 geboren, legt mit „Die Papierverschwörung“ seinen ersten Roman vor, dessen Filmrechte nach Hollywood verkauft wurden.
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