Die Herren des Hügels
Entführung aus Sicht eines Kindes
(twi).
Die Entführung eines kleinen italienischen Jungen aus einer wohlhabenden
Familie, das gänzliche Verschwinden für Wochen, die Hilflosigkeit
und das Flehen der Mutter, und schließlich und endlich die Erbarmungslosigkeit
der Entführer, den Jungen im Dreck und Schmutz dahinvegetieren zu lassen,
ist die eine Seite der Geschichte. Die andere Seite ist ein kleiner Ort mit
wenigen Häusern und einer Bande halbwüchsiger Jungen und Mädchen,
welche in der Sommerhitze spielen. Es ist ein ärmliches Dorf, die Gruppe
hat eigene Gesetze und einen Chef mit verdorbener Fantasie und Regeln, die es
ermöglichen, hier zu überleben. Die Erkundung der Umgebung ist Hauptziel
und größter Spaß der Kinder. Dabei findet einer der Jungen
ein entführtes Kind in einem Erdloch.
Autor Niccolò Ammaniti hat in seinem Roman „Die Herren des Hügels“ gekonnt und wunderbar real die normalen Ängste der Heranwachsenden kartographiert, er zeigt die ganzen Facetten kindlicher Herausforderungen und gedanklicher Abläufe. Sein Einfall, die Entführung eines kleinen Jungen durch einen gleichaltrigen Jungen sichtbar und erlebbar zu machen, ist grandios und wird vom Autor konsequent durchgehalten. Seine Gedanken, seine Erlebnisse und seine Bewertungen sind der Schlüssel zum Verständnis dieser Entführung.
Jeder Kindesentführer war selbst einmal Kind, hat oder hatte selbst Eltern und weiß anscheinend letztendlich doch nicht, was er oder sie dem Kinde antun. Kinder bewerten anders, sehen die Dinge mit anderen Augen und leben überdies oft in einer ganz anderen Welt. Die Kindesentführung mit den Augen des neunjährigen Michele zu sehen, der darüber hinaus erfährt, das sein eigener, ihn über alles liebender Vater, einer der Entführer ist, macht die Sache nicht einfacher. Eine Entführung, die Spuren hinterlässt, Spuren in Kinderseelen.
Die gesamte Geschichte hat nur wenige Nebenschauplätze und man ist am Ende bestürzt über das doch sehr erwachsene Verhalten des kleinen Jungen und seine doch sehr kindlichen Gedanken. „Die Herren des Hügels“ ist einfach zu lesen und berührt einen seltsam, trotz oder gerade wegen des harten Themas: einer Kindesentführung.
Für eine Irritation beim Leser sorgt allerdings die Tatsache, dass der Roman „Die Herren des Hügels“ als Taschenbuchausgabe unter dem Titel „Ich habe keine Angst“ erschienen ist, der aber wiederum die korrekte Übersetzung des italienischen Buchtitels ist. Da hätte man die ersterschienene Hardcoverausgabe auch gleich unter dem Titel „Ich habe keine Angst“ veröffentlichen können. Bleibt abzuwarten, was der Verlag macht, wenn der Roman verfilmt wird, was gegebenenfalls zu einem dritten Titel führen könnte.
Niccolò Ammaniti hat einen eindringlichen Roman geschrieben, von Ulrich Hartmann aus dem Italienischen übersetzt, der einen Einblick in Kinderseelen gibt und uns die seelische Schwärze von Erwachsenen vorführt. Seine „Herren des Hügels“ sind mit Recht Herren, die im Geiste des kleinen Jungen zwar surrealistisch waren, doch für uns eine Betrachtung wert sind. Man sollte auch als Erwachsener wissen, was Kinder denken und was sie fühlen, insbesondere dann, wenn Kinder mit einer Entführung unplanmäßig konfrontiert werden. Die Rahmenhandlung lässt das südliche und meistens heiße Italien aus den Seiten des Buches in den schönsten Farben auferstehen. An und für sich kein Ort für so ein Verbrechen, und doch eine Gegend, die so etwas herausfordern kann.
Autorenportrait:
Niccolò Ammaniti, 1966 in Rom geboren, gilt als das größte
Erzähltalent seiner Generation. Mit seinem Roman Roman „Io non ho
paura“ („Ich habe keine Angst“), der mit dem renommierten
„Premio Viareggio“ ausgezeichnet wurde, gelang ihm der Durchbruch.
Das Buch steht seit über einem Jahr auf den italienischen Bestellerlisten.
2006 wurde der Roman „Die Herren des Hügels“ mit dem „Premio
Campiello Deutschland“ ausgezeichnet und ist von Oscar®-Preisträger
Gabriele Salvatore verfilmt worden.
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