Der Zirkusbrand
Eine wahre Geschichte
(ag). Der „Ringling Bors and Barnum & Bailey“-Zirkus ist einer der größten aller Zeiten: Im Hauptzelt können über 10.000 Besucher seine außergewöhnliche Vorstellung verfolgen, Artisten, Akrobaten und Dompteure aus der ganzen Welt zeigen hier ihre Glanzleistungen. In Hartford, Connecticut, ist er die Hauptattraktion des Sommers. Zahlreiche Kinder und ihre Mütter machen am 6. Juli 1944 den lang ersehnten Ausflug, um die erste Nachmittagsvorstellung in ihrer Stadt anzusehen. Es ist heiß an diesem Tag, und die Menschen warten ungeduldig darauf, endlich in das riesige Zirkuszelt eingelassen zu werden, um die angekündigte „Größte Schau der Welt“ mitzuerleben.
Während der Raubtiernummer geschieht das Unfassbare: Aus bisher noch ungeklärten Gründen fängt das mit Paraffin imprägnierte Zirkuszelt Feuer und verbrennt innerhalb kürzester Zeit wie ein riesiger Kerzendocht. Brände sind von Natur aus jäh auftretende Ereignisse, die sich nicht vorhersehen lasen und deshalb anfangs unbeachtet bleiben. Als die Besucher ihn jedoch bemerken, beginnt eine große Panik. Sie versuchen, den Flammen so schnell wie möglich zu entfliehen, und versperren sich dabei oftmals selbst den Weg aus dem Feuer. Während einige Besucher in dieser Extremsituation über sich herauswachsen und wahre Heldentaten vollbringen, nutzen andere das Unglück auf schäbige Weise für ihren eigenen Vorteil.
Die Schilderungen von Autor Stewart O’Nan gleichen teilweise einer reinen Dokumentation. Ebenso sachlich wie distanziert beschreibt er die einzelnen Menschen und ihre persönliche Geschichte, die durch ihren Zirkusbesuch an diesem Tage entscheidend geprägt wird. Zahlreiche Schwarzweißfotografien und Abbildungen über den Zirkusgrundriss, den Brand und die Opfer vervollständigen diesen Eindruck. Tatsächlich wollte der Autor am Anfang die Ereignisse des 6. Juli 1944 in Hartford, Connecticut, nur deshalb festhalten, um die Chronik seiner Heimatstadt zu vervollständigen. All die Zufälle, Lücken und Fehler, auf die er bei der Recherche des Brandes stieß, veranlassten ihn jedoch schließlich, einen Roman über diese Tragödie zu verfassen. Für ihn der einzige Weg, „...die Geschichte des Zirkusbrandes zu vollenden, die fehlenden Teile finden und an der richtigen Stelle wieder einzufügen.“ Herausgekommen ist dabei eine 509 Seiten umfassende Reportage, die auf gelungene Weise ihre dramatische Qualität entfaltet. Ohne Sensationsgier zu schüren oder die zurückhaltende Position des allwissenden Historikers zu verlassen, beschreibt Stewart O’Nan einen der schrecklichsten Brände der USA. Gewidmet ist „Der Zirkusbrand“ allen Menschen, „...die an jenem Tag in den Zirkus gingen denen, die wieder nach Hause kamen, und denen, die dort blieben.“. Trotz seines Bestrebens, das Geschehene zu begreifen, und die damaligen Ereignisse zu ordnen, drückt Stewart O’Nan am Ende des Romans seine Unfähigkeit darüber aus. Bis heute ist die Ursache des Brandes ungeklärt, die Einzelschicksale und genauen Vorkommnisse widersprechen sich häufig. Doch genau darin liegt der Reiz dieses von Thomas Gunkel übersetzten Romans: An seiner Intensität sowie den realistischen Wendungen und Irrwegen, die uns noch lange nach der Lektüre von „Der Zirkusbrand“ im Gedächtnis bleiben werden.
Autorenportrait:
Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte in Cornell Literaturwissenschaft. Heute lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Avon, Connecticut.
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Stewart O’Nan
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