Der kleine Hobbit
Wie Bilbo Beutlin in den Besitz eines Zauberringes kam
(mkb).
J. R. R. Tolkien soll einst auf der Rückseite einer Klausur „In
a hole in the ground there lived a hobbit“ gekritzelt haben und somit
den Grundstein zu einem der erfolgreichsten Fantasy Werke des vergangenen und
gegenwärtigen Jahrhunderts gelegt haben. Ursprünglich für seine
Kinder geschrieben, entwickelte sich aus „Der kleine Hobbit“ ein
heiß umworbenes Werk, dessen Fortsetzung mit „Der Herr der Ringe“
die gesetzten Erwartungen bei weitem übertraf und das zu dem meistgelesenen
Klassiker unserer Zeit geworden ist.
„In einer Höhle in der Erde, da lebte ein Hobbit. Nicht in einem schmutzigen, nassen Loch, in das die Enden von irgendwelchen Würmern herabbaumelten und das nach Schlamm und Moder roch. (...) Es war eine Hobbithöhle, und das bedeutet Behaglichkeit.“ Eine Pfeife paffend, saß einst unser kleiner Hobbit Bilbo Beutlin vor seiner Höhle und ließ den Tag in jener von Hobbits so bevorzugten ereignislosen Behaglichkeit verstreichen. Während seine Gedanken bereits um die mögliche Zusammensetzung seines zweiten Frühstücks kreisten, tauchte ein alter Mann mit einem spitzen Hut vor seiner Behausung auf. Erfreut über die Gesellschaft, offerierte Herr Beutlin dem Fremden ein Tässchen Tee und war nicht wenig überrascht, als jener ihm statt Gesellschaft ein Abenteuer bot. Und so kam es, dass unser Hobbit Bilbo Beutlin, zum Meisterdieb ernannt, auf die Rückeroberung des gestohlenen Zwergenschatzes sein gemütliches Nest über viele Monate verließ.
Das Geheimnis um den durchschlagenden Erfolg von „Der kleine Hobbit“ liegt, neben dem perfekten Bogen zwischen Humor und Spannung, in der detailgetreuen, literarischen Darstellung einer auf die Geschichte abgestimmte Welt: Mittelerde! Dort hausen Trolle in Höhlen, sonderbare, mystische Wesen in Nachtwaldbergen während verzauberte und eilige Flüsse über verwitterte Heiden und durch verwunschene Wälder fließen. Und dann wären da eben noch die Hobbits: „Ich glaube, daß die Hobbits heutzutage einer Beschreibung bedürfen, da sie selten geworden sind. (…) Sie sind ungefähr halb so groß wie wir und kleiner als die bärtigen Zwerge. (...) Sie neigen dazu, ein bisschen fett in der Magengegend zu werden. Sie kleiden sich in leuchtende Farben. Schuhe kennen sie überhaupt nicht, denn an ihren Füßen wachsen natürliche, lederartige Sohlen und dickes, warmes, braunes Haar (...)“.
Auch Bilbo Beutlin trug ein wenig fett um die Magengegend und liebte das Behagliche – bis der Zauberer Gandalf ihn in ein Abenteuer verwickelte, das fern von aller Gemütlichkeit bittere Kämpfe und Stunden der Angst bedeutete. Der Fund des Zauberringes schließlich führte Bilbo zu Gollum: „ (...) so dunkel wie die Finsternis, ausgenommen seine beiden dicken, runden, bleichen Augen“ erkannte dieser in Bilbo ein schmackhaftes Mal. Aus Langeweile verwickelte Gollum sein potentielles Mittagessen in ein Rätselraten, das Bilbo nur mit viel Glück lebend verließ.
J. R. R. Tolkien hat althergebrachte Mythen in einem Werk vereinigt und Gestalt gegeben. Elfen, Zwerge, Trolle und Drachen hat der Autor mit offensichtlicher Liebe zum Detail literarisch gezeichnet, sodass der Leser mühelos in die andere Welt hineinfindet und es ermöglicht, seinen eigenen Alltag zwischenzeitlich zu vergessen. „Der kleine Hobbit“, aus dem Englischen von Walter Scherf übersetzt, ist die Vorgeschichte zu „Der Herr der Ringe“ und sollte zum besseren Verständnis und als wunderbarer Einstig in das Ringe-Epos unbedingt gelesen werden!
J. R. R. Tolkien ist mit „Der kleine Hobbit“ ein Meisterwerk gelungen, das bis in unser Jahrtausend hinein einmalig bleibt. Nicht nur Kindern und Jugendlichen vorbehalten, denn gerade Erwachsene lassen sich gerne in den Bann dieses mystischen Märchens ziehen.
Autorenportrait:
John Ronald Reuel Tolkien wurde am 3. Januar 1892 in Bloemfontein in Oranje-Freistaat,
Südafrika, geboren. Er verließ vierjährig mit Mutter und Bruder
dieses Land und kehrte mit ihnen in die Heimat des Vaters, nach England zurück,
wo er das König-Edward-Gymnasium besuchte und in Francis Xaver Morgan vom
Oratorium Birmingham einen geistlichen Führer und Lehrer fand. Nach dem
Schulbesuch erhielt er ein Stipendium der Universität Oxford. 1915 schloss
er sein Studium ab und heiratete; er erlebte den Ersten Weltkrieg als Infanterist.
Im Jahre 1918 fand er im Lazarett Klarheit über seinen zukünftigen
Lebensweg. Zwei Jahre arbeitete er am „Oxford English Dictionary“
mit, wurde Privatdozent in Leeds und mit 32 Jahren – für englische
Verhältnisse sehr früh – Professor, zuerst in Leeds und dann
in Oxford. Dort lebte und wirkte er, bis er in den Ruhestand trat. Er war ein
leidenschaftlicher Hochschullehrer und ein unglaublich kenntnisreicher Erforscher
der Wortgeschichte der Mythologie. Das erste Werk, das er herausgab, war ein
mittelenglisches Wörterbuch. Er war aber auch ein hinreißender Erzähler.
Seine Geschichte hat er zuerst in seiner eigenen Familie erzählt. Sein
„Hobbit“ (1937) und die Trilogie „Der Herr der Ringe“
(1954/55) haben in Amerika und ebenso in Deutschland einen wahren Tolkien-Kult
heraufbeschworen. Über sich selbst redete er nicht viel: „Was
zu sagen ist, steht in meinen Büchern“, sagte er. J. R. R. Tolkien
starb mit 81 Jahren am 2. September 1973 in Bournemouth in England.
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