Das Wunder von Bern
Roman nach einem Drehbuch von Sönke Wortmann und Rochus Hahn
(jag).
Für den elfjährigen Matthias Lubanski ist „Boss“ Helmut
Rahn ein Idol. Mit seinen unnachahmlichen Angriffen wird der kraftstrotzende
Starkicker von Rot-Weiß-Essen zum Vaterersatz für den Halbwaisen,
dessen Vater vor zwölf Jahren an der russischen Front verschwand. Im Frühjahr
1954 erhält Familie Lubanski ein Einschreiben. Man soll am Essener Hauptbahnhof
erscheinen, und „94 Tage vor dem Endspiel“ bricht Richard
Lubanski, Matthias Vater, in das Leben der Familie ein. Nach einem Drehbuch
von Sönke Wortmann und Rochus Hahn entstanden, schildert Autor Christof
Siemes in dem Roman „Das Wunder von Bern“ Gefühle und Tragödien
eines Volkes, das nach Krieg und Nachkriegszeit in einem einzigen Fußballspiel
seine Auferstehung feiert. „Das Wunder von Bern“ ist ein kalkulierter
Kassenschlager. Ein halbes Jahrhundert nach Helmut Rahns fulminantem Schuss
aus halbrechter Position ist das 3:2 gegen die Ungarn zum Synonym des deutschen
Wiederaufstiegs geworden.
Die Geschichte des – fiktiven – Matthias Lubanski ist inhaltlich belanglos. Dass die schwierige Annährung zwischen Vater Richard und seinem Sohn Matthias von Erfolg gekrönt sein wird, ist so sicher wie Helmut Rahns Tor in der 84. Minute. Trainervater Sepp Herberger lehrt zum x-ten Mal die komplexe Fußballerweisheit von „nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ und der legendäre „Tor, Tor, Tor für Deutschland“-Torjubel von Herbert Zimmermann sorgt auch 50 Jahre nach Bern-Wankdorf für Gänsehaut beim Fußballfan.
Fußball spielt die Hauptrolle in „Das Wunder von Bern“. Es ist eine Stärke des Romans, dass sich die Handlung nicht ausschließlich auf das Finale konzentriert. Zwischen dem ersten Spiel gegen Jugoslawien und dem Endspiel gegen Ungarn lässt Christof Siemes viel Raum für den schwierigen Alltag in Nachkriegsdeutschland.
Dass „Das Wunder von Bern“ einige historische Aspekte abwandelt oder anders interpretiert, liegt in der Gestaltungsfreiheit des Autors. Wer den „Pathos“ um die 1954 Weltmeisterelf als übertrieben empfindet und auf eine differenzierte Betrachtung hofft, dem wird „Das Wunder von Bern“ keine Freude bereiten. Im Gegenteil: Einige Aspekte, zum Beispiel das Absingen der „Deutschland, Deutschland über alles“-Strophe vor dem Endspiel, werden großzügig ausgeblendet (Sepp Herbergers Ideale – „Mannschaftsgeist, Disziplin und Siegeszuversicht“ – wären im Kontext des Dritten Reiches wohl ad absurdum geführt).
Christof Siemes hat den deutschen Fußballmythos in eine belanglose, Klischee strotzende Geschichte eingebettet. Vorhersehbar. Pathetisch. Und absolut lesenswert! In „Das Wunder von Bern“ ist drin, was drin sein muss, um den Fußballfan zu begeistern. 264 spannende Seiten Tore, Mythen und Legenden. Flott geschrieben und mit einem biographischen Nachruf der Weltmeisterschaftself, Originalfotos und einem Interview mit Regisseur Sönke Wortmann, ist Christof Siemes ein gutes und fesselndes Buch gelungen, das auch nach 90 Minuten seine Faszination nicht verliert.
Autorenportrait:
Christof Siemes, geboren 1964 in Mönchengladbach, aufgewachsen im Schatten des Bökelbergs, verdiente sein erstes Geld mit dem Verkauf von Autogrammkarten von Günter Netzer. Er studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie und spielte im Mittelfeld der Bunte-Liga-Mannschaft „Das Wunder von Bern“. Seit 1993 Redakteur im Feuilleton der Wochenzeitung „Die Zeit“.
![]() |
Christof Siemes
|
![]() |
Christof Siemes, Sönke Wortmann und Rochus Hahn |
© Copyright by: Public Dialog Hamburg