Das Unheilige in der Heiligen Schrift

Die dunkle Seite der Bibel

(ts). Gerd Lüdemann fordert eine Rückbesinnung auf den historischen Jesus, so wie er wirklich gelebt hat. Die Kirche solle den Menschen Jesus in den Vordergrund stellen. Nicht was Jesus dachte, sondern was später über ihn berichtet und in seinem Namen getan wurde, habe die bisherige kirchliche Verkündigung bestimmt, kritisiert der umstrittene Göttinger Theologe. Nur eine ehrliche historische Rekonstruktion dessen, was Jesus vor 2.000 Jahren wirklich tat und sagte, könne der Kirche ihre Glaubwürdigkeit zurückgeben. Zwei Tendenzen macht Gerd Lüdemann aus, die im gegenwärtigen Jesusbild der Kirche zu kritisieren seien: Die Vergöttlichung Jesu und die damit verbundene Tendenz des Christentums zum Antijudaismus. Jesus selbst nimmt Gerd Lüdemann von jeglicher Kritik aus. Doch wie kam es dazu, dass bereits die ersten Christen seine Botschaft veränderten?

Die Wandlung von einer innerjüdischen Bewegung zu einer eigenen Kirche hat zu einer schärferen Auseinandersetzung mit der jüdischen Religion geführt, das neue Selbstverständnis der Kirche ging zu Lasten des Judentums, als dessen Nachfolger sich eine große Gruppe der Christen stilisierte. In zahlreichen Textinterpretationen zeigt Gerd Lüdemann in seinem Buch „Das Unheilige in der Heiligen Schrift“ auf, dass Antijudaismus im Neuen Testament keineswegs ein vernachlässigbares Randphänomen ist. Pikanterweise findet sich bereits im Judentum der Ausschließlichkeitsanspruch, den später das Christentum für sich reklamierte: die Erwählung Israels als Volk Gottes. Gerd Lüdemann kritisiert auch diese Vorstellung scharf. Schließlich stehe sie in Verbindung mit dem göttlichen Bannrecht, das im Alten Testament die brutale Ermordung der Feinde ermögliche. Zwar ist der im Alten Testament mehrfach erwähnte Bann fremder Völker vermutlich nie zur Anwendung gekommen, doch „Grausamkeit bleibt Grausamkeit, auch wenn die Bibel sie Gott zuschreibt“. Hier, und das lässt aufhorchen, hält Gerd Lüdemann dem Leser plötzlich den historischen Jesus entgegen, der Liebe predigte. Wie kann es sein, dass Gerd Lüdemann, der so sehr den Antijudaismus im Neuen Testament anprangert, einer alttestamentlichen Bibelstelle nur mehr Jesus Christus entgegenhalten kann? Will er im Alten Testament etwa keinen liebenden, fürsorglichen Gott gefunden haben? Und wie sieht es denn aus mit dem Gewalt anwendenden Jesus, der die Händler aus dem Tempel vertreibt? Soll diese Erzählung auch keinerlei historischen Anhaltspunkt haben?

Gerd Lüdemanns Buch „Das Unheilige in der Heiligen Schrift“ enthält, so viel ist sicher, mehr Wahrheiten als es vielen Christen lieb sein kann! Zugleich aber stolpert der Theologe, bedingt durch seine Einseitigkeiten, auch über seine eigenen Ansprüche. Freilich machen viele seiner provokativen Thesen zu Bibel und Kirche das Buch dennoch lesenswert.

Autorenportrait:
Gerd Lüdemann, 1946 geboren, ist Professor für Theologie an der Universität Göttingen. Er leitet die Abteilung „Frühchristliche Studien“ am Institut für Spezialforschungen sowie das Archiv „Religionsgeschichte Schule“ an der Theologischen Fakultät Göttingen.

Das Unheilige in der Heilige Schrift

Gerd Lüdemann
Das Unheilige in der Heiligen Schrift
Die dunkle Seite der Bibel
zu Klampen Verlag, Lüneburg
ISBN 3-934920-03-9
2. Auflage, 136 Seiten, Broschur.
Unverbindliche Preisangabe: € 14.- (D) / € k. A. (A) / sFr 25,60

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