Das Gesicht

Roman eines Schriftstellers

Das Gesicht(pr). Der Ich-Erzähler aus „Das Gesicht“ von Joachim Zelter fühlt sich zum Schreiben berufen. Jedenfalls von dem Zeitpunkt an, als er feststellt, dass sich die Antwort „Schriftsteller“ bei Fragen nach dem Beruf äußerst gut anhört. Also bearbeitet er Manuskripte aus seiner Schulzeit, fängt an, sie an Verlage zu schicken und wartet auf Antworten. Doch scheinen seine Texte nicht so gut zu sein, dass sich eine Veröffentlichung lohnen würde, denn Verlagsangebote lassen auf sich warten. Er schreibt immer wieder an die Verlage, legt Fotos bei, Fotos von sich, Fotos von seiner halbnackten Cousine, bis er schließlich so von seiner Idee besessen ist, dass er in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wird.

Als er wieder nach Hause kommt, findet er ein Einschreiben des großen K. i. K-Verlages vor, der sein Manuskript offensichtlich veröffentlichen will. Wie sich herausstellen wird, nachdem der verwahrloste und kranke Autor im Verlagseigenen Hotel auf Kosten von K. i. K. gesund gepflegt und rund um die Uhr kontrolliert wurde, ist der Verlag vielmehr an seinem Gesicht interessiert, das dem des genialen aber verstorbenen Schriftstellers Vašicek zum Verwechseln ähnlich sieht. Der Möchte-gern-Schriftsteller lässt sich auf den Handel ein, ein Buch nur mit seinem Gesicht auf dem Einband herauszubringen, dessen Text vom Lektorat des Verlages geschrieben wird. Und nun beginnt eine gigantische PR-Aktion um das Gesicht auf diesem Buch. Natürlich muss er sich vorbereiten, wenn er als Nachfahre des großen Vašiceks bestehen will, bekommt Training für Stimme und Akzent und darf sein Gesicht natürlich auf keinen Fall irgendwie verändern.

Vom Verlag wird der Mann auf eine Lesereise um die Welt geschickt. Dass das Buch, das nur des Gesichtes auf dem Einband wegen reißenden Absatz findet, praktisch unlesbar und langweilig ist, interessiert keinen. Wichtig ist nur das Aussehen des vermeintlichen Autors, der die Sucht der Kritiker und des Publikums nach einer Ikone befriedigt. Doch langsam beginnt der Erzähler das Leben als zweiter Vašicek zu genießen, und die Freiheiten, die es mit sich bringt, für sich zu entdecken.

„Das Gesicht“ von Joachim Zelter ist ein großartiger Roman. Die aus der Perspektive des psychisch instabilen Autors erzählte Geschichte geht hart mit der Scheinwelt der Verlage und der Kritik ins Gericht. Das Buch ist nicht wichtig, so Joachim Zelters Feststellung, viel wichtiger ist das Gesicht des Autors, der nur aufgrund der Ähnlichkeit mit einem berühmten Schriftsteller zum Abgott des Publikums wird. Der Erzähler ist eigentlich eine tragische Figur, die mit der naiven Hoffnung von der Veröffentlichung seiner Manuskripte den K. i. K.-Verlag betritt, dann aber von den Entscheidungsträgern des Verlages systematisch kontrolliert und unter Druck gesetzt wird, bis er sich auf ihre Vorschläge einlässt. Seine Beschreibungen von der generalstabsmäßig geplanten Lesetournee, von den kontrollierenden Verlagsstrukturen und den Charakteren des Publikums, die ihn als eine Art Messias ansehen, sind jedoch immer satirisch. Sie beleuchten den Literaturbetrieb als etwas, was mit Kunst eigentlich nichts zu tun hat und sind dabei oft unheimlich komisch, auch wenn ihnen stets ein Fünkchen Ernst anzuhaften scheint. Der sprachliche Stil ist immer eingängig und rund, ohne in Plattheiten zu verfallen.

„Das Gesicht“ von Joachim Zelter ist ein origineller Roman, der interessierten Lesern viel Lesespaß bietet. Eine ernsthaft-komische Satire auf den absurden Kunstbetrieb und die Verlage, aber auch auf ein Publikum, das fremdbestimmt ist und keinen eigenen Willen oder Urteilskraft besitzt.

Ein tolles Buch und empfehlenswert für jeden, der Literatur mag!

Autorenportrait:
Joachim Zelter, Dr. phil., 1962 in Freiburg geboren, studierte und lehrte englische Literatur in Tübingen und Yale. Seit 1997 freier Schriftsteller, gerühmter „Vorlesekünstler“. Ausgezeichnet mit dem Thaddäus-Troll-Preis und der Fördergabe der Internationalen Bodenseekonferenz 2000.

Das Gesicht

Joachim Zelter
Das Gesicht
Roman eines Schriftstellers
Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen
ISBN 3-421-05761-3
224 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag.
Unverbindliche Preisangabe: € 19,50 (D) / € k. A. (A) / sFr 34,60

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