Das Fest
Der Wunsch, Weihnachten nicht zu feiern, wird zum Spießrutenlauf
(sl).
Blair Krank fliegt nach Thanksgiving für ein Jahr nach Peru, und so steht
für ihre Eltern Nora und Luther das erste Mal nach 20 Jahren ein kinderloses
Weihnachten vor der Tür. Missmutig denken sie an den ganzen weihnachtlichen
Stress, der vor ihnen liegt. Steuerberater Luther rechnet sich in der folgenden
Nacht heimlich aus, wie viel Geld sie das letzte Weihnachtsfest gekostet hat.
Es waren 6.100 Dollar – und da steht sein Entschluss fest: Weihnachten
fällt dieses Mal aus. Nur muss er es seiner Frau schonend beibringen. Als
Nora traurig davon anfängt, dass Weihnachten ohne Blair ganz anders sein
wird, sieht Luther seine Chance gekommen: Er offenbart ihr, dass er die 6.100
Doller lieber anders investieren möchte – in eine 10-tägige
Kreuzfahrt auf der „Island Princess“ in der Karibik, Auslaufen am
ersten Weihnachtstag um 12 Uhr. Nach einigem Widerwillen stimmt Nora schließlich
zu.
Doch schon bald kommen die ersten Prüfungen: Die Weihnachtskarten werden nicht bestellt, der Tannenbaum wird nicht bei den Pfadfindern gekauft, die Weihnachtsfeiern werden abgesagt, und der Weihnachtsschmuck wird nicht ausgepackt – das alles verbunden mit unendlichen Erklärungsversuchen und Rechtfertigungen. Der Weihnachtsboykott entwickelt sich zum Spießrutenlauf: Kollegen, Freunde und Nachbarn haben kein Verständnis für Nora und Luther. Es wird sogar argumentiert, dass die Kranks ja erst am ersten Weihnachtstag wegführen und deswegen doch bis zum Heiligen Abend an allen vorweihnachtlichen Traditionen teilnehmen könnten.
Die Ablehnung des Umfeldes ufert in Psychoterror aus, als die Nachbarn den Kranks die Weihnachtssänger vor die Tür schicken. Das Ganze gipfelt in über die Hecke gehängten Weihnachtslichterketten, anonymen Weihnachtskarten und etlichen anderen Gemeinheiten, wie der Zeitungsreporter, der nach einem Wink von den Nachbarn wissen möchte, warum die Kranks kein Weihnachten feiern wollen. Am kommenden Morgen finden sich Nora und Luther im Lokalteil der Zeitung wieder: Ein Foto ihres ungeschmückten Hauses und ein Artikel mit der Überschrift „Weihnachten fällt aus“. Trost bieten nur der Erfolg, den die beiden mit ihrer Diät haben, weil sie auf der Kreuzfahrt gut aussehen wollen, und die 20-minütigen Sitzungen im „Bronzomat“.
Doch egal was für Schikanen über das Ehepaar hineinbrechen, Nora und Luther halten an ihrem Entschluss, Weihnachten ausfallen zu lassen, fest – bis am Morgen des 24. Dezembers das Telefon klingelt. Blair ist dran und verkündet freudestrahlend, sie sei schon auf dem Flughafen in Miami und komme mit ihrem neuen peruanischen Verlobten. Und Enrique hat nur einen Wunsch: Er möchte ein uramerikanisches Weihnachtsfest erleben! – Ob die Kranks nun ein „echtes“ Weihnachten feiern, oder ob sie doch auf Kreuzfahrt gehen, sei hier natürlich nicht verraten.
John Grisham begibt sich mit seinem Roman „Das Fest“ auf ein für ihn ganz untypisches Terrain. Der als Thriller-Spezialist bekannte Bestsellerautor zeigt, dass ihm auch ganz andere Töne liegen: Mal ironisch, mal ein wenig bissig, aber immer absolut treffend und mit viel pointiertem Witz versehen, lebt „Das Fest“ vor allem durch das herrlich beschriebene Spießbürgertum in einer amerikanischen Kleinstadt. Was wir aus US-Filmen oft als übertriebenes Klischee empfinden, stellt sich spätestens nach dieser Lektüre deutlich als Wahrheit heraus: Die Amerikaner fangen zu Weihnachten wirklich an abzudrehen.
Angelehnt an die bekannten Bestseller „Die Jury“ oder „Die Firma“, wurde die Weihnachtsgeschichte mit „Das Fest“ übersetzt und könnte Unwissende auf die falsche Fährte locken. Der Originaltitel „Skipping Christmas“ zeigt deutlich, dass dieses Buch eben kein typischer Grisham-Roman ist. Charles Brauer erweckt die Lesung der ungekürzten Hörbuchfassung so gekonnt zum Leben, dass man sich sofort ins vorweihnachtliche Amerika versetzt fühlt.
„Das Fest“ ist ein Muss für alle, die sich schon immer mal insgeheim gewünscht haben, Weihnachten einfach ausfallen zu lassen – merry Grisham!
Autorenportrait:
John Grisham wird 1955 in Jonesboro, Arkansas, als Sohn eines kleinen Bauunternehmers geboren. Er studiert Jura an der Universität von Mississippi und wird Anwalt und Strafverteidiger. 1983 wird er ins Parlament des Staates Mississippi gewählt. Aus Spaß beginnt er seinen ersten Roman und schreibt ihn jeden Morgen vor der Arbeit in seiner Kanzlei. 1988 erscheint sein erster Gerichtsthriller „Die Jury“ mit einer Auflage von 5.000 Exemplaren. Mit seinem zweiten Roman „Die Firma“ wird er endgültig zum Bestsellerautor und hängt im Frühjahr 1991 seinen Beruf als Anwalt und seine politischen Ämter an den Nagel, um nur noch als Schriftsteller zu arbeiten. Ihm gelingt, was noch keinem Autor bisher geglückt ist: Er ist mit vier Titeln gleichzeitig in den Bestseller-Listen der New York Times Book Review vertreten, wobei er sowohl die Hardcover- als auch die Paperback-Liste anführte. Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt der strenggläubige Baptist in Oxford, einer Kleinstadt in Tennessee (wo schon William Faulkner lebte).
Erzählerportrait:
Charles Brauer, Schauspieler, wirkte in unzähligen Fernsehspielen und -serien mit und ist vielen als Tatort-Kommissar Brockmöller bekannt.
© Copyright by: Public Dialog Hamburg